Bijan Kaffenberger

SPD-Nachwuchspolitiker aus Hessen lebt mit Tourette-Syndrom

Andreas Frey

Von Andreas Frey

Fr, 23. August 2019 um 17:17 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Bijan Kaffenberger ist Landtagsabgeordneter in Hessen und eine Nachwuchshoffnung der SPD – und er lebt mit dem Tourette-Syndrom. Angst vor Fehlern oder Peinlichkeiten hat er nicht.

Nun ist der Moment gekommen, an dem man sich doch Sorgen um ihn machen muss. Ein Restaurant in Frankfurt mit Blick auf die neue Altstadt. Am Tisch sitzt ein Politiker, über den gerade sehr viel gesprochen wird. Als politischen Hoffnungsträger bezeichnen ihn manche, als jemanden, der das Wort Erneuerung glaubhaft verkörpern könnte, als einen, der eine große Zukunft vor sich habe. Nur gibt es da ein Problem: Bijan Kaffenberger, 29, ist in der SPD.

Aber jetzt hat er erst mal Hunger, die Politik kann warten. Er bestellt ein Schnitzel und verliert plötzlich die Kontrolle über seine linke Hand. Sie schießt ruckartig zur Wand, sein Zeigefinger kreist für Sekunden um eine Steckdose. Der wird da doch hoffentlich nicht hineinfassen? Nein, wird er nicht. So schnell, wie er seine Hand in Richtung der Steckdose ausstreckt, so rasch zieht er sie zurück. Ein Tic, mehr nicht. Einer von vielen während dieses Mittagessens, das so einen Einblick gewährt, womit er seit mehr als 20 Jahren leben muss: Bijan Kaffenberger, der junge Landtagsabgeordnete der hessischen SPD, hat das Tourette-Syndrom. Das zwingt ihn zu motorischen Muskelzuckungen, Tics, nach dem französischen Wort für ein nervöses Zucken.

Kaffenberger fällt auf, ob er will oder nicht
Mediziner definieren die neuropsychiatrische Krankheit als Bewegungsstörung, benannt nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptome im Jahr 1885 erstmals wissenschaftlich beschrieben hatte. Alle paar Sekunden verliert Kaffenberger kurz die Kontrolle über seinen Körper, zuckt mit der Hand, wirft seinen Kopf zur Seite, kippt mit dem Oberkörper ruckartig nach vorne und stößt unwillkürliche Kiekser aus, während er spricht.

Kaffenberger fällt auf, ob er will oder nicht. Seine Krankheit lässt sich nicht verbergen oder abstellen, höchstens kurz unterdrücken. Aber dann ist die nächste Attacke umso heftiger. Er musste lernen, mit dem Tourette-Syndrom zu leben, akzeptieren, dass es unheilbar ist. Er konnte sich also nur zurückziehen oder offen damit umgehen – mehr Möglichkeiten hatte er nicht.

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