Nawalny will nach Russland zurückkehren

Claudia Thaler, Rachel Boßmeyer

Von Claudia Thaler, Rachel Boßmeyer (dpa)

Mi, 16. September 2020

Deutschland

Vergifteter Oppositionelle meldet sich vom Berliner Krankenbett / Kreml betont Recht auf Einreise.

. Der Kremlkritiker Alexej Nawalny hat sich knapp vier Wochen nach seiner Vergiftung zum ersten Mal vom Krankenbett in Berlin aus zu Wort gemeldet. "Hallo, das ist Nawalny. Ich habe euch vermisst", hieß es am Dienstag in einer Mitteilung auf Instagram, die in seinem Namen veröffentlicht wurde. "Ich kann noch immer fast nichts machen, aber ich habe gestern den ganzen Tag selbstständig geatmet."

Auf einem Foto war zu sehen, wie der 44-Jährige sichtlich geschwächt auf seinem Bett sitzt und von seiner Frau Julia umarmt wird. Auch seine Tochter Daria und sein Sohn Sachar waren bei ihm. Der Oppositionelle gilt als einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Nawalny war am 20. August bei einem Inlandsflug in Russland bewusstlos geworden, seit dem 22. August wird er in der Berliner Universitätsklinik Charité behandelt. Er wurde nach Angaben von Speziallaboren mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet. Nawalny war wochenlang in einem künstlichen Koma. Mittlerweile geht es dem Kremlkritiker aber etwas besser. Russland behauptet, nicht in den Fall verwickelt zu sein und fordert Beweise für eine Vergiftung. Zu Wochenbeginn teilte die Charité mit, dass Nawalny sein Krankenbett bereits zeitweise verlassen könne. Seine Botschaft auf Instagram löste Jubel bei seinen Mitstreitern aus. Das Foto erhielt innerhalb weniger Minuten Hunderttausende Likes.

In seiner Nachricht zeigte Nawalny, der für seine Recherchen zu Korruption in Russland bekannt ist, Humor: "Ich habe keine Hilfe von außen gebraucht, auch kein Ventil im Hals. Das hat mir sehr gefallen." Das Atmen sei ein "erstaunlicher, von vielen unterschätzter Prozess", meinte er. "Ich empfehle es."

Präsident Macron hatte Asyl ins Gespräch gebracht

Nach Angaben seiner Sprecherin will Nawalny nach einer Genesung auch wieder in seine Heimat zurückkehren. "Es wurden noch nie andere Möglichkeiten in Betracht gezogen", betonte Kira Jarmysch am Dienstag auf Twitter. Es sei seltsam, wenn jemand etwas anderes annehmen würde. Zuvor hatte die New York Times berichtet, dass Nawalny seine Rückkehrpläne den deutschen Behörden mitgeteilt habe. Ein FDP-Politiker hatte Anfang des Monats dafür plädiert, dem russischen Oppositionellen Asyl in Deutschland zu gewähren. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Asyl für Nawalny ins Gespräch gebracht.

Der Kreml betonte, dass Nawalny als russischer Staatsbürger jederzeit in das Land zurückkehren könne. "Jedem Bürger Russlands steht es frei, aus Russland aus- und auch wieder einzureisen", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Tass zufolge. "Wenn sich ein Bürger Russlands erholt und sich seine Gesundheit verbessert, dann freuen wir uns natürlich alle darüber."

Der Fall hatte massive Spannungen zwischen Russland und Deutschland ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem "versuchten Giftmord" und verlangte Aufklärung von Moskau. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell forderte Russland erneut auf, bei der Untersuchung des Falls mit der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen OPCW zu kooperieren. Es gebe nun unwiderlegbare Beweise, dass ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe genutzt worden sei, um Nawalny zu töten.