Distanz, Empathie und Komik

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Di, 02. April 2019

Theater

Andreas von Studnitz stellt Falladas Roman "Kleiner Mann – was nun?" auf die Wallgraben-Bühne.

Es gab einmal eine Zeit, in der Zigaretten einzeln gekauft wurden – das Stück für drei Pfennige. Eine Zeit, in der ein anständiger junger Mann eine junge Frau heiratete, wenn er sie geschwängert hatte. Und eine Zeit, in der ein Kaufhausbesitzer seinen Angestellten fristlos entlassen konnte, sobald sich ein Kunde über ihn beschwerte – oder aus irgendeinem anderen vorgeschobenen Grund. In dieser Zeit lebte Rudolf Ditzen (1893–1947) – und er schilderte diese Milieus und ihre Charaktere ungeheuer präzise und nüchtern in seinen Werken unter dem Schriftstellerpseudonym Hans Fallada.

Andreas von Studnitz hat Falladas 1932 erschienenen Roman "Kleiner Mann – was nun?" für die Kellerbühne im Freiburger Wallgraben-Theater eingerichtet. Er hat eine eigene Textfassung geschrieben und einen Weg gefunden, dass die Zuschauer in das Berlin der 30er Jahre eintauchen ohne sich jedoch darin zu verlieren. Distanz, Empathie und Komik ergeben in dieser Inszenierung einen wunderbaren Dreiklang – was das Premierenpublikum in Anerkennung der originellen Ideen des Regisseurs und der Leistung seines großartigen, fünfköpfigen Schauspielteams mit viel Applaus belohnte.

Ein großes Herz, aus roten Glühbirnen geformt, bildet den Mittelpunkt der Bühne. In diesem Herz, auf einem Podest, auf dem zwei Stühle stehen, agieren der kleine Angestellte Johannes Pinneberg (Christian Theil) und seine Frau Emma, genannt "Lämmchen" (Katharina Rauenbusch). Sie sind nicht nur das Herz des zweieinhalbstündigen Abends, ihre lebenserhaltende Herzensverbindung in einem immer schwieriger zu meisternden Leben zu zeigen, ist auch das Herzensanliegen des Regisseurs. Doch weil der "Junge", wie Lämmchen ihren Pinneberg nennt, und seine Frau nicht im luftleeren Raum agieren, lässt von Studnitz die wandelbaren Darsteller Sybille Denker, Achim Barrenstein und Martin Schurr all die übrigen Figuren aus dem Roman spielen.

Der Regisseur nutzt dafür eine Handyfilmtechnik, in dem er einen Effektfilter einsetzt, der aus allen außer Pinneberg und Lämmchen bewegliche schwarz-weiße Karikaturen auf einem Flachbildschirm macht: So erstehen vor den Augen der Zuschauer etwa der gönnerhafte Frauenarzt, der die Schwangerschaft der ledigen Emma feststellt, ihre Eltern, die sich einen Arbeiter für ihre Tochter gewünscht hätten, der sich in einer Gewerkschaft engagieren kann, der fiese Händler Emil Kleinholz, der Pinneberg mit seiner hässlichen Tochter Marie verheiraten möchte – und ihn entlässt, als er erfährt, dass Pinneberg schon verheiratet ist – und viele mehr.

Obwohl Pinneberg und Lämmchen natürlich mitten unter den grotesk ausgestellten Figuren leben – sie nach seiner Entlassung aus der Kleinstadt nach Berlin ziehen und immer tiefer in die prekären Verhältnisse rutschen, auf Pinnebergs berechnende Mutter Mia hereinfallen und auf den Kapitalisten, der das Warenhaus Mandel betreibt –, sind sie doch in diesem Bühnenherz wie in einem Kokon geschützt. Ihre Beziehung, ihre Liebe, aber auch ihre Fürsorge füreinander und für den neu geborenen Sohn Horst, den sie Murkel nennen, rettet sie. Je verzweifelter die Lage wird, desto verletzlicher und schwächer wird Pinneberg – und umso stärker und zuversichtlicher wird seine Frau. Sein zaghaft-erstaunter Satz: "Lämmchen, ich hab Dich mir viel sanfter vorgestellt", ist beim ersten Hören komisch – aber er verrät auch viel über die Figurenkonstellation.

Bei Christian Theil und Katharina Rauenbusch sind Pinneberg und Lämmchen sehr gut aufgehoben. Obwohl es in ihrem kleinen Bühnenraum nur sehr wenig Bewegungsmöglichkeiten für die beiden Darsteller gibt, überzeugen sie mit ihrem glaubwürdigen Spiel. Eine Freude ist es auch, den drei übrigen Schauspielern zuzusehen, denen es gelingt, aus jeder Fallada-Figur innerhalb kürzester Zeit eine wiedererkennbare Karikatur zu machen. Es darf herzlich gelacht werden in Andreas von Studnitz’ Fallada-Interpretation. Aber manchmal bleibt einem auch das Lachen im Halse stecken – über die Bosheit, Falschheit und Feigheit, die im Menschen stecken kann. Studnitz bewertet diese Eigenschaften nicht, ebenso wenig wie Fallada zu seiner Zeit. Sie werden ausgestellt – ebenso wie die Liebe dieser Kleinfamilie auf dem Podest. Und jeder mag sich bewusst entscheiden, wie sie oder er sein Leben gestaltet. Eine Entscheidung, die zu jeder Zeit für jede und jeden aktuell sein wird.

Weitere Termine bis 18. Mai.
http://www.wallgraben-theater.com