Der Gewinner fuhr mit Daimler-Motor

Alexander Brüggemann

Von Alexander Brüggemann (KNA)

Mo, 22. Juli 2019

Panorama

Die Geburtsstunde des Motorsports vor 125 Jahren war ein Autorennen mit eineinhalb Stunden Mittagessen von Paris nach Rouen.

PARIS. Beim ersten Autorennen der Geschichte ging es noch ziemlich gemächlich zu. Es ging um Zuverlässigkeit, nicht um Geschwindigkeit. Kein Wunder bei den Ungetümen, die da am Start waren.

Das war ein ziemlich eigentümlicher Zug, der sich an jenem 22. Juli 1894 an der Pariser Porte Maillot mit einer riesigen Staub- und Qualmwolke in Gang setzte. 5000 Francs Preisgeld hatte einer ausgesetzt, der die neue Erfindung Auto eigentlich über viele Jahre verachtet hatte: Pierre Giffard, Chefredakteur des "Petit Journal", hing noch lange dem Fahrrad an. Die frühen Automobilisten hatten auch einiges für die Verachtung der anderen Verkehrsteilnehmer getan.

In Ermangelung von Platz, Fahrspuren, Ampeln und überhaupt Regeln für das neue Fortbewegungsmittel fuhr jeder, wo er konnte. Es galt das Recht des Stärkeren. Aufgeregte Neulinge fuhren Passanten über den Haufen; andere gaben mit der Hupe an, fuhren missgelaunten Bauern vor die Mistgabel – oder züchtigten umgekehrt zudringliche Fußgänger oder Kinder mit der Peitsche.

1891 hatte Autogegner Giffard noch das erste Langstreckenradrennen Paris-Brest-Paris ausgelobt. Nun wechselte er die Fronten – und schrieb einen Wettbewerb für die automobile Revolution aus. Hauptkriterien für seine Rallye von Paris nach Rouen waren nicht Geschwindigkeit, sondern Zuverlässigkeit, Sicherheit und ein günstiger Preis. 102 potenzielle Starter meldeten sich beim "Petit Journal". Doch es stellte sich heraus, dass sich viele der Tüftler übernommen hatten; ihre abenteuerlichen Gefährte kamen nie über die Zeichnung oder eine Konstruktionsruine hinaus. Verdächtige Antriebsarten wurden schon im Vorfeld aus dem Verkehr gezogen.

Nur 21 Automobile gingen am Ende an den Start, auch sie noch äußerst disparat in Größe, Form und Antrieb. Es ist eine eher hässliche Ironie, dass an der Porte Maillot, wo sich damals das Feld knatternd in Gang setzte, heute eines der übelsten Autobahngewirre von Paris verläuft. Damals jedoch war man noch recht rasch im Grünen. Für die 126 Kilometer nach Rouen hatten die Fahrer zwölf Stunden Zeit – inklusive einer 90-minütigen Mittagspause auf halber Strecke, in Mantes-la-Jolie unweit von Giverny, wo Claude Monet zu jener Zeit seinen Seerosengarten anlegte.

Immer wieder landeten Teilnehmer im Graben, wurden aber von Schaulustigen am Wegesrand zurück auf die Piste gezogen. Der Sieger wurde am Ende gar nicht zum Gewinner. Zwar benötigte Graf Albert Jules de Dion, mit seinem Unternehmen De Dion-Bouton zu der Zeit einer der größten Autohersteller der Welt, für die Strecke nur kaum sieben Stunden (inklusive Lunch und einer Zwischenlandung im Feld). Doch sein dampfgetriebenes 20-PS-Riesengefährt mit Anhänger war zu sperrig, brauchte zusätzlich zum Fahrer noch einen Heizer und war mit einem Wasserverbrauch von 800 Litern deutlich teurer als kleinere Wagen mit Benzinmotor.

So wurden zwei Franzosen zu Siegern erklärt, die nur wenige Minuten später im Ziel eintrafen: "Panhard & Levassor" und "Les fils de Peugeot Freres". Beide waren mit 3,5-PS-Benzinmotoren aus dem Hause Daimler in Württemberg unterwegs. Der eigentliche Gewinner dieses ersten Rennens der Automobilgeschichte kam also am Ende aus Deutschland; der Beginn einer langen Dominanz deutscher Wertarbeit unter der Haube.

Das Genre der Autorennen etablierte sich in den kommenden Jahren schnell. Die Zuschauer drängten sich an der Strecke, nicht selten kam es zu schweren Unfällen. Manche Länder verboten die frühen Geschwindigkeitswettrennen ganz. Meist jedoch vertraute man auf ein verfeinertes Regelwerk. Spätestens mit dem ersten Grand Prix im französischen Le Mans begann 1906 die moderne Ära des Rennsports.