Der Kaiser, die Göttin und das Bett

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Von dpa

Sa, 16. November 2019

Panorama

Umstrittenes Ritual beschließt die Inthronisierung von Japans Kaiser / Er betet Sonnengöttin an.

TOKIO (dpa). In einer mystischen Nacht bei Fackelschein hat Japans Monarch Naruhito im geistigen Zusammentreffen mit der Sonnengöttin Amaterasu Omikami den letzten Akt seiner Kaiserwerdung vollzogen. Bei der jahrhundertealten und geheimnisumwitterten Zeremonie "Daijosai" in einer eigens hierzu im Palastgarten im Herzen Tokios errichteten Schrein-Anlage dankte der 59 Jahre alte Monarch der Göttin, deren Nachfahre er den Mythen zufolge ist, und anderen Shinto-Göttern für die Reisernte. Mit Vollzug dieser mythenumwobenen und umstrittenen Zeremonie ist Naruhito, der am 1. Mai die Nachfolge seines Vaters Akihito (85) angetreten hatte, seit dem frühen Freitagmorgen (Ortszeit) endgültig in die Reihe der Kaiser aufgenommen. Es war die letzte von drei großen Zeremonien zu seiner Inthronisierung.

Zwar waren insgesamt 510 Zeugen in den Palast eingeladen, darunter die Spitzen der Politik. Sie beobachteten das Geschehen außerhalb der Schreinanlage, während sich Mitglieder der Kaiserfamilie in Nebengebäuden verbeugten. Doch im Innersten der Schreinanlage war der in weiß gekleidete Kaiser allein.

Was sich genau in der Nacht zum Freitag in der hölzernen Halle des riesigen Schreinkomplexes abspielte, darüber gibt es für Normalbürger des Inselreiches keine präzisen Informationen. Der Kaiser selbst wird nur durch seinen Vorgänger informiert. Bekannt ist, dass sich Kaiser Naruhito nach einer rituellen Reinigung – im Geiste – mit der Sonnengöttin allein im Raum aufhielt, wo sich ein Bett befindet. Fachleuten zufolge opfert der Kaiser der Sonnengöttin und anderen Shinto-Göttern Reis, Meeresfrüchte und Sake.

Manche Experten meinen, das Bett in dem Raum sei Ruheplatz für die Gottheit und werde vom Kaiser nicht einmal berührt. Gerüchte, der Kaiser schlafe mit der Sonnengöttin, um Göttlichkeit zu erlangen, wiesen Hofbeamte scharf zurück. Die Legende will es, dass der Ururenkel der Sonnengöttin, Jimmu-Tenno, angeblich im Jahre 660 vor Christus das Yamato-Reich gründete und damit der erste Kaiser Japans wurde. Kaiser Naruhito ist demnach der 126. Tenno des Landes.

Naruhitos Vater Akihito war der erste Kaiser, der sein Amt nicht mehr als Gott antrat. Dessen 1989 gestorbener Vater Kaiser Hirohito, posthum Showa-Tenno genannt, hatte am 1. Januar 1946 in seiner sogenannten Menschlichkeitserklärung der Göttlichkeit des Kaisers entsagt.

Kritiker beklagen aber, dass die tiefreligiöse Zeremonie vollständig vom Staat finanziert wird, obwohl die japanische Nachkriegsverfassung eigentlich eine strikte Trennung von Staat und Religion vorschreibt. Die Gesamtkosten belaufen sich laut japanischen Medien auf umgerechnet rund 20 Millionen Euro. Die rund 30 im Palastgarten errichteten Gebäude werden im Anschluss wieder abgebaut.