Seinlassen

Glück entsteht, wenn wir nicht mehr nach dem Besten streben

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

Mi, 16. September 2020 um 13:27 Uhr

Panorama

Die Corona-Pandemie zwingt zum Verzicht auf vieles, was uns Freude bringt. Der Psychiater Christian Firus gibt Tipps, wie wir im Alltag zufriedener und glücklich werden können.

In einem bisher unbekannten Ausmaß zwingt uns die Corona-Pandemie zum Verzicht auf vieles, was uns wichtig ist und Freude bringt. Was macht das mit uns? Christian Firus, Oberarzt in der Rehaklinik Glotterbad im Glottertal, hat gerade ein Buch mit dem Titel "Was wir gewinnen, wenn wir verzichten" veröffentlicht. Sigrun Rehm sprach mit ihm über die Freiheit des Seinlassens.

BZ: Im ersten Moment klingt das Wort "Verzicht" irgendwie freudlos. Wie haben Sie entdeckt, dass Verzicht noch eine andere Seite hat, Herr Firus?
Firus: Das war bei der Beschäftigung mit dem Thema Glück und seelische Widerstandskraft, mit dem ich mich seit langem befasse. Dabei ist mir deutlich geworden, das Glück und Zufriedenheit häufig mit Seinlassen zu tun haben. Dinge weglassen, Termine absagen, Verpflichtungen ablehnen – all das kann eine Freiheit bedeuten, die einen froh macht. Das gilt besonders für den Verzicht auf ständige Selbstoptimierung. Als Psychotherapeut erlebe ich immer wieder, wie viel besser es Patienten geht, wenn es ihnen gelingt, dies sein zu lassen. Aber Sie haben recht: Verzicht klingt erstmal nicht sexy.

BZ: Was bedeutet es denn für unsere seelische Gesundheit, dass wir Verzicht zu vermeiden suchen?
Firus: Das hat ganz erhebliche Folgen. Körperlich sind viele Volkskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Folgen davon, dass wir permanent snacken und dem Körper nicht die Zeit geben, zu verdauen und sich zu regenerieren, dass wir zu viel und zu oft Alkohol trinken – und uns dabei übrigens auch um den Genuss bringen. Seelisch erleben wir eine Übermüdungsspirale, die allzu oft im Burn-out endet. Und mental-geistig führt der Umstand, dass wir kaum mehr abschalten können dazu, dass viele Menschen ohne Alkohol oder Cannabis am Abend nicht mehr zur Ruhe kommen. Der Ausgleich zwischen dem sympathischen Nervensystem, das Aktivität ermöglicht, und dem parasympathischen, das der Beruhigung dient, gelingt uns häufig nicht mehr.

BZ: Offenbar spüren das viele, jedenfalls ist Verzicht inzwischen sehr angesagt: Man macht "digital detox", Intervallfasten, teilt Dinge, engagiert sich bei Fridays for Future. Doch oft erlahmt die Begeisterung bald und man kehrt alter Gewohnheit zurück. Warum ist das so – wenn Verzicht doch das Zeug hat, uns glücklich zu machen, wie Sie sagen?
Firus: Das liegt daran, dass wir uns oft viel zu viel vornehmen. Ich erlebe häufig Patienten, die sagen: "Ab jetzt gehe ich jeden Tag laufen." Das ist motivationspsychologisch Gift. Denn wer diesen Vorsatz an fünf von sieben Tagen umsetzt, erlebt sich als Versager, obwohl er sehr viel leistet. Wir erreichen Ziele viel leichter, wenn wir uns auf sie zubewegen und ihnen Raum geben, etwa indem wir sagen: "Ich sorge gut für meine Gesundheit." Wenn ich dann am einen Tag laufen gehe, mich am anderen gesund ernähre und am dritten entspanne, klatscht das Gehirn Applaus – das stärkt und lässt mich durchhalten. Erlebe ich mich aber als Versager, denke ich bald: "Jetzt ist es auch egal" und kehre zu alten Gewohnheiten zurück.

Die Suche nach dem Optimum ist die klassische Anleitung zum Unglücklichsein.

BZ: Warum schaden wir uns mit der beständigen Suche nach dem Besten – sei es Geschirrspüler, Reiseziel oder Lebenspartner – auf Dauer selbst?
Firus: Die Suche nach dem Optimum ist die klassische Anleitung zum Unglücklichsein. Jeder kennt das: Ich brauche ein neues Handy, beginne im Internet zu recherchieren und sehe, es gibt jede Stunde ein noch besseres, ein noch günstigeres Angebot. Was also tun? Nur wenn ich auf die vermeintlich besseren Alternativen verzichte, werde ich zu einem Handy kommen, mit dem ich zufrieden sein kann. Das gilt auch für Partnerschaften und alles andere im Leben.
Christian Firus (55) ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiatrie und Traumatherapie. Er arbeitet als Oberarzt im Glottertal und lebt in Freiburg. Gerade ist sein neues Buch erschienen: "Was wir gewinnen, wenn wir verzichten", Patmos, 160 Seiten, 16 Euro.

BZ: Der Verzicht, um den es in Ihrem Buch geht, ist ja immer ein freiwilliger. Wer Mangel erlebt, kann das Glück des Verzichts kaum erfahren.
Firus: Das kann man so nicht sagen. Entscheidend ist, welche Haltung ich dem vermeintlichen Mangel gegenüber entwickle. Ich erlebe oft Patienten, die sagen: Wäre ich nicht krank geworden, hätte ich es nicht geschafft, mich zu trennen, den ungeliebten Job zu kündigen oder endlich umzuziehen. Für sie eröffnet die Krankheit, die ja auch ein unfreiwilliger Verzicht ist, eine Chance. Das sind Menschen, die zu einer Haltung gefunden haben, die ich zum ersten Mal bei dem Wiener Psychiater Viktor Frankl gesehen habe, der sagt, wir hätten ein ungeheures Anspruchsdenken dem Leben gegenüber, wie es zu sein hätte und was es uns bieten müsse. Frankl sagt: Es ist genau anders herum. Das Leben stellt uns vor Herausforderungen und wir müssen dazu unsere Antwort finden, jeden Tag aufs Neue. Wenn mir das gelingt, erlebe ich Sinn und damit auch Glück. Der Sinnbegriff, den Frankl in die Psychologie eingeführt hat, ist meines Erachtens hochmodern.

Meine Empfehlung ist, sich ein Tagebuch anzuschaffen und jeden Tag fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin.

BZ: Einer Ihrer Schlüsselbegriffe ist die Dankbarkeit. Viele von uns wissen, dass sie, verglichen mit anderen, großes Glück haben und wären gerne dankbarer. Wie kann das gelingen?
Firus: Lange dachte man: Dankbar können die Zufriedenen sein, die anderen haben ja keinen Grund dafür. Doch Forschung hat gezeigt, dass es genau anders herum ist: Dankbarkeit macht zufrieden. Es geht dabei um die kleinen Dinge, und man kann sie gerade, wenn es einem nicht gut geht, lernen und üben. Meine Empfehlung ist, sich ein Tagebuch anzuschaffen und jeden Tag fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Das Aufschreiben ist dabei wichtig, denn Studien zeigen, dass ich zehn bis 15 Sekunden brauche, damit sich etwas im Gehirn verankert; denke ich hingegen nur kurz an etwas, ist es gleich wieder weg. Bereits nach 14 Tagen sieht man, dass sich im Gehirn etwas verändert in Richtung Zufriedenheit. Die ist das tiefste Glücksgefühl, das es gibt. Eine Baseline, die mich durchs Leben trägt, auch an schlechten Tagen.

BZ: Im Moment zwingt uns ja die Corona-Krise dazu, verzichten zu lernen. Wie gelingt uns das?
Firus: Sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite beobachten wir eine Zunahme von Angst, Depression und häuslicher Gewalt. Auf der anderen Seite gab es zumindest anfangs große Solidarität, ein Revival der Natur und Entschleunigung. Viele haben, als fast alle Termine abgesagt wurden, eine große Ruhe erlebt, mir selbst ging es auch so. So kann der unfreiwillige Verzicht die Tür öffnen zu etwas, das ich ohne ihn nicht erfahren hätte.

BZ: Wird die Pandemie zum Beginn einer neuen Kultur des Weniger?
Firus: Das hoffe ich sehr. Und dass wir nicht, wenn die Krise vorbei ist, alles nachholen an Fernreisen und Konsum. Die Pandemie zeigt uns: Der Verzicht macht Veränderungen möglich. Das gilt für den Kampf gegen die Klimakrise genauso wie für ein glücklicheres Leben. Wenn der Aspekt der Freude und der Dankbarkeit dazukommt, merke ich: Verzicht kann das Leben bereichern und die Intensität des Genusses erhöhen.

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