Kommunen setzen auf eine sensiblere Sprache

dpa

Von dpa

Mi, 05. August 2020

Südwest

Stuttgart und andere Städte legen Wert auf Geschlechtergleichheit.

Im Stuttgarter Rathaus soll die Sprache künftig sensibler werden, zumindest was die unterschiedlichen Geschlechter angeht. Eine Arbeitsgruppe der Verwaltung hat eine entsprechende Handreichung beschlossen. Demnach ist künftig etwa neben den geschlechtsspezifischen (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) und geschlechtsneutralen Formulierungen (Mitarbeitende) der Gender-Stern (Mitarbeiter*innen) zulässig. Mit der neuen Sprachregelung sollen auch Rollen-Klischees und Stereotype vermieden werden – so solle statt "Mutter-Kind-Parkplatz" lieber der Begriff "Familienparkplatz" verwendet werden.

Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) verteidigt das Papier, das lediglich Empfehlungscharakter habe, wie eine Sprecherin der Stadt betonte. Doch die Diskussion ist eröffnet. "Da muss man sich schon fragen, ob wir keine anderen Sorgen haben", sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), ehemals Stuttgarter Schulbürgermeisterin. "Ich hätte mir gewünscht, dass Fritz Kuhn sich mit der gleichen Verve um die Sicherheit und die Beleuchtung am Eckensee gekümmert hätte wie um die Frage, ob man die Anrede verändern soll", sagte sie mit Blick auf die Krawalle in der Stuttgarter Innenstadt. "Wir haben große wirtschaftspolitische Herausforderungen, bei uns geht es um Arbeits- und Ausbildungsplätze. Wenn dann das Gender-Sternchen oder die Anrede so im Mittelpunkt stehen, kann ich das nicht nachvollziehen."

Stuttgarts OB Kuhn findet die Debatte überzogen

Zuvor hatte schon Kuhns Parteikollege Winfried Kretschmann über "Sprachpolizisten" hergezogen – allerdings unabhängig von den Gender-Regeln der Stadt. "Jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist", sagte der Ministerpräsident. Ihm falle es nicht leicht, stets die weibliche Form zu nennen, wenn er etwa von Polizisten und Polizistinnen spreche.

Kuhn nennt die Debatte überzogen. "Sprachwandel geht nicht per Gesetz und auch nicht mit einer Sprachpolizei." Die Verwaltung habe nun eine zeitgemäße Richtschnur, wie sie mit bestimmten Personen oder Personengruppen sensibel kommunizieren könne.

Ursula Matschke, die Leiterin der Abteilung Chancengleichheit und Diversity bei der Stadt Stuttgart, betont: "Ich bin keine Sprachpolizistin." Die 64-Jährige hat gemeinsam mit dem städtischen Arbeitskreis LSBTTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queer) die Gemeindedrucksacke 277/2020 erarbeitet und auf zehn Seiten Hinweise zur "Umsetzung der geschlechtersensiblen Sprache" für die Stadtverwaltung formuliert. Betroffen ist der gesamte Schriftverkehr. So sollen die Gender-Sternchen (Mitarbeiter*innen) alle Geschlechter und Identitäten sichtbar machen, eine Rubrik heißt nicht mehr "Mädchenname" sondern "Geburtsname".

Der Leitfaden empfiehlt als Alternative zur Anrede "Sehr geehrte Damen und Herren" geschlechterneutrale Formulierungen wie "Sehr geehrte Teilnehmende" oder "Liebe Menschen". Und in städtischen Formularen wird bei der Frage nach dem Geschlecht neben den Feldern "weiblich", "männlich" auch die Optionen "divers" und "ohne Angabe" angeboten werden. Solche Leitfäden gibt es in zahlreichen Städten.

In kleineren Gemeinden spielt das Thema noch keine Rolle

Inwieweit ein Sternchen mitten im Wort für ausgleichende Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen in der Sprache sorgen kann, mag umstritten sein. Aber es gebe eben eine kleine Gruppe, die einfach gehört werden wolle, sagt Matschke. Denen will man nun mehr Sichtbarkeit verschaffen.

Die Stadt Emmendingen hat sich gegen das Sternchen und für den Unterstrich in der Wortmitte entschieden, "den werden wir konsequent umsetzen", kündigte die städtische Chancengleichheitsbeauftragte Katharina Katt im Januar an. So bedankt sich die Stadt auf ihrer Homepage "bei allen Teams, die sich u. a. aus Schüler_innen, Firmen und Vereinen gebildet haben, für die rege Teilnahme".

Auch Freiburg hat sich für den Unterstrich entschieden und 2018 entsprechende Regeln für "Einheitliche Verwendung geschlechtergerechter Sprache im Verwaltungshandeln" in Kraft gesetzt. In kleineren Gemeinden spielt das Thema selten eine Rolle.

Auch in Offenburg "ist das im Moment bei uns nicht akut", sagt Offenburgs Stadtsprecher Florian Würth. Allerdings werde bei der Öffentlichkeitsarbeit auf ausgleichende Formulierungen geachtet. "Wir schauen, dass wir beide Geschlechter nennen oder geschlechtsneutrale Worte verwenden."