Putin gibt Gas

Ulf Mauder

Von Ulf Mauder (dpa)

Di, 03. Dezember 2019

Wirtschaft

Mega-Pipeline von Sibirien nach China geht in Betrieb / Zwei weitere Großprojekte sind im Bau.

MOSKAU. Sie heißen Kraft Sibiriens, Turkish Stream und Nord Stream 2 – gleich drei neue internationale Gasleitungen nimmt Russland in diesem Winter in Betrieb. Die Gas-Großmacht baut damit ihren Einfluss in Europa und Asien weiter aus.

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein chinesischer Kollege Xi Jinping feierten am Montag in einer Videokonferenz die Fertigstellung der Pipeline "Kraft Sibiriens" (auf Russisch: Sila Sibiri) auf russischer Seite. Spätestens von 2025 an soll China dadurch mit 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr versorgt werden – das sind derzeit 9,5 Prozent des dortigen Verbrauchs. In China soll die Pipeline in den nächsten Jahren so ausgebaut werden, dass das Gas bis nach Schanghai fließen kann. Insgesamt soll die Pipeline einmal 3000 Kilometer lang sein.

Russland und sein Gasmonopolist Gazprom haben aber noch zwei weitere Großprojekte in der Pipeline: Am 8. Januar will Putin in der Türkei mit Präsident Recep Tayyip Erdogan die durch das Schwarze Meer verlegte Leitung Turkish Stream in Betrieb nehmen. Ein zweiter Strang soll Gas später womöglich durch Griechenland leiten und von dort weiter nach Süd- und Südosteuropa. Am heikelsten aber ist weiter für den bisweilen scherzhaft "Gas-Putin" genannten Kremlchef der Start der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2.

Die USA, mehrere EU-Staaten und vor allem die Ukraine wollen die 1230 Kilometer lange Leitung durch die Ostsee am liebsten stoppen. US-Präsident Donald Trump hatte die Europäer davor gewarnt, sich zu Geiseln russischer Energielieferungen zu machen. Er hofft, mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren gewonnenes Flüssiggas in Europa zu verkaufen. Doch kann Russland aus seinen riesigen Lagerstätten Gas noch lange deutlich günstiger anbieten – zumal die Preise aktuell vergleichsweise niedrig sind.

Die Rohre für Nord Stream sind schon zu mehr als zwei Dritteln verlegt – und könnten bis Ende des Jahres den deutschen Anlandepunkt nahe Greifswald erreichen. Kosten: rund zehn Milliarden Euro. 55 Milliarden Kubikmeter Gas sollen künftig in die EU fließen. "Sie werden versuchen, es in diesem Jahr fertig zu bekommen", sagte Russlands Energieminister Alexander Nowak vor einigen Tagen. Der Kreml hofft, dass der Zeitplan trotz Verzögerungen bei den Genehmigungen in Dänemark eingehalten wird. Vize-Regierungschef Dmitri Kosak geht aber davon aus, dass die Leitung erst Mitte 2020 voll funktionsfähig sein wird.

Ukraine ist abhängig von den Gebühren für den Gas-Transit

Die Russen schauen derweil aufmerksam auf die USA. Ihre Hoffnung ist groß, dass die von Washington angedrohten Sanktionen gegen Nord Stream 2 schon aus Zeitgründen nicht mehr rechtzeitig kommen, bevor die Pipeline fertig ist. Fast euphorisch berichteten russische Medien daher über den ebenfalls für Montag in Deutschland geplanten Start der sogenannten Begasung der neuen Eugal-Pipeline von Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern). Sie soll künftig Gas aus der Nord Stream 2 erhalten.

Eugal führt über 480 Kilometer Länge Richtung Süden nach Deutschneudorf (Sachsen) bis Tschechien. Sie verläuft dabei meist parallel zur Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung (Opal). Gazprom hofft, dass Opal künftig wieder mit mehr Gas aus Nord Stream 1 bespeist werden kann. Nach Deutschlands Ausstieg aus der Atom- und Kohle-Energie will Russland die Lücke mit seinem Gas füllen.

Vor allem wegen der Unsicherheiten über den genauen Start von Nord Stream 2 ist Russland allerdings vorerst weiter auf den Transit seines Gases durch die Ukraine angewiesen. Der Vertrag über Durchleitungsmengen und -gebühren läuft Ende 2019 aus. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Russland und die Ukraine hatten lange unter Vermittlung der EU-Kommission ohne Ergebnis verhandelt, vergangene Woche trafen sich erstmals wieder Gasmanager beider Länder.

Putin hat seinen ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj vor einem Transitstopp zum Jahresende gewarnt, sollte es keine neue Einigung geben. Die beiden Politiker treffen sich am 9. Dezember in Paris zum ersten Ukraine-Gipfel seit mehr als drei Jahren. Dabei geht es vor allem um eine Lösung des blutigen Konflikts im Donbass. Weder Kiew noch Moskau schließen aber ein Gespräch Putins mit Selenskyj aus, bei dem es auch um einen neuen Gasvertrag gehen könnte.

Ein wirtschaftliches Interesse haben beide Seiten daran: Die krisengeschüttelte Ukraine ist von den russischen Gebühren für die Durchleitung des Gases in die EU abhängig. Und Russland braucht das größte Transitland noch, um sein Gas nach Westeuropa zu pumpen und dort die Energiesicherheit zu gewährleisten. Auch nach dem Start der Pipeline Kraft Sibiriens nach China bleibt Europa für Gazprom der wichtigste Exportmarkt – mit 201,7 Milliarden Kubikmetern im vergangenen Jahr.