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Nathalie Becquart gilt als die mächtigste Frau im Vatikan

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Mi, 08. September 2021 um 12:47 Uhr

Ausland

"Es gibt noch eine Menge Arbeit, um die Herrschaft der Männer über die Frauen in der Gesellschaft zu beenden." Ordensschwester Nathalie Becquart will Frauen in der katholischen Kirche eine Stimme geben.

In der Mitte der Bühne präsidiert Kardinal Mario Grech. Der Vatikansprecher hat ihn bei dieser Pressekonferenz dreimal als "Eminenz" begrüßt. Links von ihm sitzt ein Bischof, auch er mit Priesterkragen, Brustkreuz und gut sichtbarem Ring am Finger. Und rechts, da sitzt Nathalie Becquart. Auffälligstes Merkmal sind ihre in alle Richtungen strebenden grauen Haare, die für sich schon eine gewisse Dynamik ausstrahlen.

Am Dienstag war die 52 Jahre alte Ordensschwester aus Fontainebleau bei Paris bei der Vorstellung des Arbeitsdokuments für die Synode 2023 dabei. Papst Franziskus hat Becquart im Februar berufen und an einer neuralgischen Stelle seines Pontifikats positioniert, im Synodensekretariat. Synoden sind Bischofsversammlungen, die kommende im Jahr 2023 hat den synodalen Weg der Kirche selbst zum Thema, der in Deutschland bereits viele Wogen schlug. Deutschlands Katholiken wollten in Eigenregie explizit über Sexualmoral, Machtfragen, den Zölibat, den Einfluss von Frauen und Laien diskutieren und konkrete Änderungen erzielen. Sie hatten den Papst und seine Reformlust überschätzt. Franziskus bremste den deutschen Alleingang aus.
Spekulationen über den Rücktritt des Papstes häufen sich: Er wirkt angeschlagen und äußerte selbst schon Rücktrittsgedanken. Wird es bald zwei emeritierte und einen offiziellen Papst geben?

Die Synoden sind das Vehikel, das den Wandel in der katholischen Kirche voranbringen soll. Es ist ein sehr gemächlicher Wandel, der Rücksicht nimmt auf die vielen Empfindlichkeiten im katholischen Universum. Dass da nun aber eine Frau an entscheidender Stelle gleich nach dem Kardinal das Sagen hat, ist dennoch ein Statement. Becquart, zwischen 2008 und 2012 Leiterin der Kommission für Jugend und Berufungspastoral der Französischen Bischofskonferenz, hat das Arbeitsdokument federführend vorbereitet. 2019 war sie als Zuhörerin bei der Jugend-Synode im Vatikan zugelassen.

Über die Frauenfrage in der Kirche, eines der heißen Eisen, das 2023 und auf dem Weg zur Bischofsversammlung diskutiert werden soll, sagt die 52-Jährige: "Ich wünsche mir, dass man Frauen zuhört und dass sie von Beginn an Protagonistinnen in diesem synodalen Prozess sind." Becquart selbst ist die einzige Frau mit Stimmrecht bei der kommenden Synode. Eine Frau, die mit über das Abschlussdokument abstimmen darf, ist kein Umsturz, aber ein Anfang. "Es gibt noch eine Menge Arbeit zu tun, um die Herrschaft der Männer über die Frauen in der Gesellschaft zu beenden", sagte sie jüngst im Gespräch.

"Frauen müssen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, so wie es Franziskus will" Nathalie Becquart
"Frauen müssen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, so wie es Franziskus will", meinte Becquart. In der Frühkirche habe es diesen "kollegialen und synodalen Stil der Entscheidungsfindung" durchaus gegeben. Den lernt die Kirche jetzt neu, wenn sie denn will. In Deutschland gibt es mehr als genug Elan, in anderen Ecken der Erde weniger. Franziskus ist daran gelegen, die Spannungen so gering wie möglich zu halten. Das geht auf Kosten des Tempos. Während die Synoden früher lahme Veranstaltungen waren, die im Grunde die katholische Doktrin wiederholten, hat Franziskus viel beachtete Sondertreffen zum Thema Familie oder zuletzt zu Amazonien einberufen.

Die umstrittene Strategie des Papstes ist, über den gemeinsamen Prozess der Meinungsbildung unter den Bischöfen Bewegung in das schwerfällige Kirchenschiff zu bringen. Die wiederverheirateten Geschiedenen wurden auf diese Weise in Einzelfällen zu den Sakramenten zugelassen, die Frage der Weihe verheirateter Diakone im Amazonas ist weiter offen.

Prägend war für sie die Großmutter

Für manche sind das unsichtbare Details, für andere unantastbare Tabus. Was katholische Diversität ist, hat die Angehörige der Xavière-Schwestern schon als Kind gelernt. Becquart ist das älteste von fünf Geschwistern. Prägend war für die 52-Jährige vor allem ihre Großmutter, die früh Witwe wurde, vier kleine Kinder alleine aufzog und dabei im Glauben Halt fand.

Becquarts Großmutter ging in die Messe, war in der Katechese ihrer Gemeinde aktiv, besuchte Häftlinge im Gefängnis und nahm Flüchtlinge zuhause auf. Ihr Onkel war Priester, der sich für die Rechte von Migranten einsetzte. "Das alles war aktiver Glauben", erzählte sie. Jetzt gilt es, die verschiedenen Empfindlichkeiten in der Kirche zu berücksichtigen und dabei doch nicht auf der Stelle zu treten. Becquart ist das ein sichtbares Anliegen. Es hängt von den Männern ab.