Interview

Nick Nolte: "Man muss zu leben wissen"

Markus Tschiedert

Von Markus Tschiedert

Do, 21. März 2019 um 20:00 Uhr

Kino

Nick Nolte ist Hauptdarsteller von "Head Full of Honey", die US-Version des Kinohits "Honig im Kopf". Ein Interview über das Alter, den Tod und seine Tochter, die ihn Opa nennt.

Nick Nolte (78) als demenzkranker Mann, der von seiner Enkelin nach Venedig entführt wird. Kommt Ihnen das bekannt vor? Tatsächlich handelt es sich bei "Head Full of Honey", der in dieser Woche bei uns anläuft, um das US-Remake des deutschen Kinohits "Honig im Kopf" von 2014 mit Dieter Hallervorden. Gleich geblieben ist nur der Regisseur, denn Til Schweiger inszenierte beide Fassungen. Markus Tschiedert traf Nick Nolte zum Interview.

BZ: Herr Nolte, wie haben Sie reagiert, als Sie von Til Schweiger das Angebot bekamen, einen an Alzheimer erkrankten alten Mann zu spielen?
Nick Nolte: Ich war sehr ergriffen davon, nachdem Til telefonisch Kontakt zu mir aufgenommen hatte und mir das Skript zukommen ließ. Das habe ich mir dann auch gleich zum Lesen vorgenommen und rief Til zwischendurch immer wieder an, um ihm zu sagen, wie großartig ich gerade diese oder jene Szene finde. Er sagte: "Lass es liegen und schau dir lieber den Film ‚Honig im Kopf‘ an. Versprich mir aber, dass du ihn dir bis zum Ende ansiehst."

BZ: Haben Sie es getan?
Nolte: Ich fragte natürlich, warum ihm das so wichtig ist. Die meisten Leute gehen aus dem Kino, wenn der Abspann läuft. Til aber meinte, dass im Abspann noch einige sehr interessante Szenen stecken, die die Story noch vervollständigen würden. Also habe ich mir den Film bis zum Ende angesehen.

BZ: Hat Ihnen "Honig im Kopf" gefallen?
Nolte: Absolut! Ich habe den Film geliebt, und meine erste Frage an Til war: "Warum willst etwas neu machen, was so gut und perfekt ist?" Er antwortete: "Weil es deutsche Filme auf dem internationalen Markt schwer haben. Ich muss den Film also nochmals auf Englisch drehen." Das leuchtete mir ein. Ich wollte aber nicht mit dem Originalfilm konkurrieren – und trotzdem gab ich mein Bestes.
BZ: Wie stehen Sie nun zur zweiten Verfilmung?
Nolte: Ich würde die beiden Filme nie miteinander vergleichen wollen. Jeder Film steht für sich selbst. Ich kann nur sagen, dass Til und ich hart gearbeitet haben, um unsere Version fertigzukriegen. Und ich habe mich darüber hinaus noch intensiv mit der Krankheit Alzheimer auseinandergesetzt.

BZ: Haben Sie sich für den Film das erste Mal mit dieser Thematik befasst?
Nolte: Nein, denn meine Großmutter hatte eine Form von Demenz. Ich war damals Anfang 20 und begann gerade meine Theaterkarriere. Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf dem Flur und wollte raus. Ich brachte sie dann immer wieder zurück ins Bett und meinte es ist viel zu spät, um sich draußen noch herumzutreiben. Meine Eltern machten sich jedoch Sorgen, vor allem wenn sie meine Oma zum Einkaufen mitnahmen und sie plötzlich verschwunden war. Bis sie in ein Heim einen Block entfernt von uns untergebracht wurde, wo sie dann mit 90 auch starb. Ich glaube, sie hat das meinen Eltern nie verziehen.

BZ: Wie sieht es mit Ihrer eigenen Angst aus, an Alzheimer erkranken zu können?
Nolte: Ja, davor habe ich sogar große Angst. Immer wenn ich etwas vergesse, denke ich, jetzt fängt es an. Andererseits habe ich schon immer irgendwelche Dinge in meinem Leben vergessen. Ich hoffe, ich bleibe noch lange gesund, aber dass im Alter die Krankheiten zunehmen, gehört nun mal dazu.

BZ: Haben Sie auch Angst vor dem Tod?
Nolte: Nein, davor nicht. Denn das ist die einzige Sache, die schon zu unseren Lebzeiten sicher ist. Ich bin mir dessen also bewusst, und wer weiß, was danach kommt, wenn überhaupt etwas. Aber ich denke jetzt nicht jeden Tag darüber nach. Man muss auch zu leben wissen.

BZ: Können Sie sich erklären, warum der Erfolg von "Head Full of Honey" in den USA hinter den Erwartungen zurückblieb?
Nolte: Der Verleih wollte den Film erst nach der Oscar-Verleihung herausbringen, aber Til bestand auf dem November-Termin. Damit wurde der Film quasi fallengelassen. Er kam für eine Woche in drei Kinos heraus. Ich hoffe aber, dass der Film nochmals eine Chance bekommt und wieder aufgeführt wird.

BZ: Wie kam es dazu, dass Ihre Tochter Sophie in "Head Full of Honey" die Rolle Ihrer Enkelin bekommen hat?
Nolte: Das war eher Zufall. Til besuchte mich, nachdem ich "Honig im Kopf" gesehen hatte, und traf auf meine Tochter. Sie hatte Vampirzähne im Mund, weil gerade Halloween war. Da sie "Honig im Kopf" auch gesehen hatte, erkannte sie ihn und sagte: "Du musst Til Schweiger sein. Das ist ein schöner Film, den du da gemacht hast." Zehn Minuten später fragte mich Til: "Könntest du dir vorstellen, dass Sophie im Film deine Enkelin spielen könnte?"

BZ: Fühlte es sich für Sie nicht merkwürdig an, im Film den Großvater Ihrer eigenen Tochter zu spielen?
Nolte: (lacht) Bereits vor dem Film befahl sie mir: "Nenn mich bloß nicht Tochter, wenn du mich zur Schule fährst. Du bist zwei- bis dreimal so alt wie die Väter meiner Freunde." Daraufhin fragte ich: "Wie willst du mich denn vorstellen?" Sie öffnete die Autotür und rief: "Tschüss, Großvater!"

"Head full of Honey" (Regie: Til Schweiger) ist seit Donnerstag in den deutschen Kinos. Ab 6.

Nick Nolte, geboren 1941 in Nebraska, hatte seine größten Kinoerfolge mit der Actionkomödie "Nur 48 Stunden" (1982) von Walter Hill, mit Martin Scorseses "Kap der Angst" und "Herr der Gezeiten" von und mit Barbra Streisand (beide aus dem Jahr 1991). Er wurde insgesamt dreimal für den Oscar nominiert, zuletzt 2012 für das Sportdrama "Warrior" von Gavin O’Connor.