Krise

Offenburger Traditionsbetrieb Stahlbau Müller wegen Corona abgewickelt

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Fr, 11. Dezember 2020 um 19:54 Uhr

Offenburg

Die Corona-Krise hat das erste prominente Opfer unter Offenburger Traditionsfirmen gefordert. Stahlbau Müller überlebte das dritte Insolvenzverfahren in zwölf Jahren nicht. Auch ein Investor fand sich nicht.

Die Corona-Krise hat das erste prominente Opfer unter den Offenburger Traditionsunternehmen gefordert. Die Müller Offenburg Steeltec GmbH, besser bekannt als Stahlbau Müller, 1842 vom Schlossermeister Anton Müller gegründet, hat die dritte Insolvenz innerhalb von zwölf Jahren nicht überlebt. Die Insolvenzverwalterin erklärt, dass sie wegen der Corona-Krise keinen Investor gefunden habe. Im Oktober wurde der Betrieb in aller Stille abgewickelt .

In das dritte Insolvenzverfahren war Stahlbau Müller am 13. Februar 2020 geschlittert. Der Tankstellenbau, das Hauptgeschäft des Unternehmens, habe sich grundsätzlich gewandelt, erklärte damals die Insolvenzverwalterin Gesa Pantaleon genannt Stemberg. Dadurch sei ein Großteil des Umsatzes weggebrochen.

2020 hat Stahlbau Müller noch Lichtkegel für Stuttgart21 geliefert

Dennoch sei sie zuversichtlich gewesen, einen Investor zu finden. Kurz darauf, am 25. Februar, eröffnete das Amtsgericht Offenburg dann auch noch das Insolvenzverfahren für FM Steeltec GmbH, die als zweites Unternehmen seit der vorigen Insolvenz von 2013 unterm Dach an der Englerstraße 2 firmierte. Gesa Stemberg und die Insolvenzverwalterin von FM Steeltec waren zuversichtlich, auch dieses Mal das Traditionsunternehmen retten zu können. Schließlich waren attraktive, große Aufträge vorhanden.

So sollte Stahlbau Müller 2021 die Lichtkegel liefern, die das Tageslicht in den unterirdischen Bahnhof von Stuttgart 21 lenken sollen. Gesa Stemberg erklärt auf Anfrage, dass die Insolvenzverwalterinnen mit der Bahn hätten aushandeln können, dass die Teile bereits 2020 gefertigt und bezahlt werden. Damit sei man geschäftlich gut durch den Sommer gekommen.

Erfolglose Suche nach möglichen Investoren

Auch habe es Auftragsanfragen für 2021 gegeben. Doch habe man diese nicht annehmen können. Denn bereits die ersten Sondierungen nach einem Investor im vorläufigen Insolvenzverfahren, indem man wegen des Insolvenzgeldes, das von Lohnkosten befreite, relativ ruhig arbeiten und Vertraulichkeitserklärungen versenden habe können, hätten keinerlei Rückmeldungen gebracht. Mittlerweile war Lockdown. Und selbst als der wieder aufging, seien sonst möglicherweise interessierte Unternehmen eher darauf bedacht gewesen, ihre Liquidität zu sichern als zu investieren.

Dennoch sei in den Werkshallen weitergearbeitet worden, so Gesa Stemberg, auch dank der Offenburger Agentur für Arbeit, die Kurzarbeitergeld freigab, obwohl das im Insolvenzverfahren eigentlich nicht üblich sei.

Neue Aufträge habe man aber in Abstimmung mit dem Gläubigerausschuss mangels Aussicht auf einen Investor nicht annehmen können. Die Deutsche Bahn hätte ebenfalls gerne mit Stahlbau Müller weiterarbeiten wollen, aber das Auftragsvolumen habe nicht ausgereicht.

Ende September wurden die letzten 55 Mitarbeiter entlassen

Ende September seien dann alle noch verbliebenen Mitarbeiter entlassen worden. Ohne Sozialplan, denn einen Betriebsrat, der den hätte aushandeln können, habe es seit der letzten Insolvenz 2013 nicht mehr gegeben, bedauert Ahmet Karademir, Bevollmächtigter der Gewerkschaft IG Metall für den Ortenaukreis. Zu Beginn der Insolvenz seien bei Müller Offenburg Steeltec 73 beschäftigt gewesen am Ende nach angeblich freiwilligem Ausscheiden von Mitarbeitern noch 30, bei FM Steeltech waren es im Februar 2020 noch 42. Im September seien 25 entlassen worden.

Im Oktober wurden die Maschinen verkauft. Die Immobilien seien nicht Teil der Insolvenzmasse, so Gesa Pantaleon genannt Stemberg. Das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude hat bekanntlich der Kehler Projektentwickler Jürgen Grossmann gekauft. Das Firmengelände vermarktete ein Projektentwickler aus Achern.
178 Jahre Firmengeschichte

1842 wird die Firma vom Offenburger Schlossermeister Anton Müller gegründet. Als er 1857 starb, hinterließ er seiner Familie neben der Werkstatt viele Schulden. Bis zur Volljährigkeit des Sohnes führte die Witwe Antonia Müller die Bau- und Kunstschlosserei fort. Die Annexion des Elsass’ in Folge des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 bescherten dem Unternehmen eine gute Auftragslage. Davon zeugen noch heute die schmiedeeisernen Gitter um den Palais du Rhin in Straßburg. Zwischen Jahrhundertwende und Ende der Weimarer Republik betrieb Gustav Müller in der Hildastraße 40 seine "Schlosserei mit Werkstätte für Eisenkonstruktionen". 1933 bis 1945 habe das Unternehmen expandiert. Müller hielt als "kriegswichtiger Betrieb" einen Großteil der Kapazität für Heer und Kriegsmarine vor. Neben Panzerblechen und Kabelschränken für die Marine seien auch Teile der V-Raketen (Hitlers "Wunderwaffe") produziert worden. 1944 seien insgesamt 186 Personen beschäftigt gewesen, davon ein hoher Anteil ausländischer Zwangsarbeiter. Stahlbau Müller hatte sich deshalb an der im Jahr 2000 gegründeten Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeitern des NS-Regimes beteiligt. Gustav Müller senior habe im Verfahren zur Entnazifizierung eine Bewährungsstrafe von drei Jahren erhalten, zehn Prozent seines Vermögens seien eingezogen worden. In den 50er Jahren habe Müller mit 500 Mitarbeitern den höchsten Beschäftigungsstand erreicht. Brücken, Tankstellen, Werkhallen bestimmten das Geschäft. 1961 wird das Verwaltungsgebäude nach den Plänen von Stararchitekt Egon Eiermann an der Englerstraße gebaut. Prominente Aufträge in den 60ern und 70ern waren Konstruktionen für das Europäische Kernforschungszentrum in Genf sowie die Kassenhäuschen am Münchener Olympiastadion. Die deutsche Wiedervereinigung 1990 habe dem Unternehmen neuen Schub gegeben. Tankstellen seien wie Pilze aus dem Boden geschossen. 2003 habe die Firma noch 185 Mitarbeiter beschäftigt. Die Insolvenzen von 2008 und 2013 waren der Anfang vom Ende.