Corona-Folgen

Pandemie führt zu ungewolltem Babyboom in Entwicklungsländern

Gioia Forster, Christina Horsten

Von Gioia Forster & Christina Horsten

So, 22. November 2020 um 21:01 Uhr

Panorama

Die Corona-Pandemie macht es Menschen in Entwicklungsländern schwer, an Verhütungsmittel zu kommen. Mancherorts häufen sich zudem Fälle sexuelle Gewalt.

Während des Corona-Chaos ein Baby zur Welt bringen? Viele Frauen in wohlhabenden Ländern überlegen sich genau, ob sie inmitten der Pandemie Familienzuwachs haben möchten. Diese Wahlmöglichkeit ist ein Luxus, den viele in Entwicklungsländern wie Kenia und Indonesien nicht haben. Experten erwarten dort einen Babyboom der "Coronials" oder "Pandennials" – aber zum Großteil einen ungewollten.

Noch ist es zu früh, um die Babys, die während der Corona-Pandemie gezeugt wurden, zu zählen. In Industrieländern wird heftig diskutiert, ob die Pandemie zu einem Anstieg oder Rückgang an Geburten führen wird. Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung glaubt, in Deutschland sei beides möglich. Gesundheitliche Sorgen und ökonomische Ängste könnten demnach dazu führen, dass ein Kinderwunsch verschoben wird. Es sei aber auch denkbar, dass für viele in der Corona-Zeit der Wert der Familie steigt. "Ich halte es derzeit noch für offen, welcher dieser Mechanismen eine größere Auswirkung haben wird."

Die UN-Kinderhilfsorganisation Unicef in New York prognostiziert, dass 2020 140 Millionen Babys geboren werden. In Entwicklungsländern sind sich viele Experten einig: Dort wird es einen Anstieg von Geburten geben. Die Corona-Lockdowns haben die Möglichkeiten von Frauen und Mädchen, sich gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden, massiv beeinträchtigt. Zum einem ist es viel schwieriger geworden, an Verhütungsmittel zu kommen: Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Läden, Corona-Quarantäne und unterbrochene Lieferketten haben den Zugang erschwert.

In Indonesien etwa sei die Zahl der Menschen, die sich staatlich beraten ließen und kostenlose Verhütungsmittel benutzten, im April und Mai im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie um zehn Prozent gesunken, sagt Eni Gustina, stellvertretende Leiterin bei der Nationalen Agentur für Familienplanung. Es werde erwartet, dass es Anfang nächsten Jahres zwischen 375 000 und 500 000 mehr ungewollte Schwangerschaften geben werde als vor Corona. Ihre Behörde habe Hebammen Corona-Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt, damit sie wieder Verhütungsmittel in Kliniken verteilen könnten. Hasto Wardoyo, Leiter des Nationalen Koordinierungsausschusses für Familienplanung in Indonesien, hat ähnliche Befürchtungen. "Dies betrifft die vielen Paare, die während der Pandemie die meiste Zeit zu Hause verbringen und Sex haben, ohne zu verhüten."

Viele Menschen in Entwicklungsländern spüren die wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie mehr als die Pandemie selbst, etliche haben ihre Jobs verloren oder deutlich weniger Einkommen. Sophie Hodder ist Leiterin von Marie Stopes in Kenia. Die Organisation bietet Beratung bei der Familienplanung, Schwangerschaftsbetreuung und Gesundheitsversorgung nach Abtreibungen an. In ihren kostenpflichtigen Kliniken sei die Zahl der Kundinnen während der Corona-Pandemie um 30 Prozent gesunken. "Uns macht es große Sorgen, dass die Frauen nicht kommen."

Die Pandemie hat die Organisation selbst hart getroffen. Hodder erklärt, dass Marie Stopes durch den Rückgang an Kundinnen weniger Einkommen habe. Zugleich seien die Kosten in die Höhe geschossen, vor allem wegen Ausgaben für Schutzausrüstung. Auch seien wegen des Fokus auf die Pandemie Spendengelder im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit gesunken.

Hinter dem Babyboom steckt eine noch größere, düstere Entwicklung: Während der Corona-Krise ist sexuelle Gewalt und Ausbeutung von Mädchen und Frauen weltweit gestiegen. In Kenia würden auch in normalen Zeiten Frauen mit Männern schlafen, um an etwas Geld etwa für Binden zu kommen, sagt Nancy Okoth von der Nichtregierungsorganisation Plan International. Doch während der Pandemie, in der viele Familien selbst die Grundbedürfnisse nicht decken konnten, habe sogenannter transaktionaler Sex zugenommen. Das lag auch daran, dass der wohl sicherste Ort für Mädchen geschlossen wurde: die Schule. In Kenia – wie in vielen anderen afrikanischen Ländern – biete sie nicht nur Matheunterricht, sondern auch Mentoren mit einem offenen Ohr, eine warme Mahlzeit, Sexualaufklärung und eine Beschäftigung, so Okoth. Doch in dem ostafrikanischen Land sind die meisten Schulen seit März geschlossen. Viele Mädchen seien unbeaufsichtigt zuhause und Tätern sexueller Gewalt oft schutzlos ausgeliefert, sagt Okoth.

"Wir wissen, dass die Hälfte aller Schwangerschaften ungewollt ist", sagt Hodder von Marie Stopes in Kenia. "Unsere Prognose ist, dass diese zunehmen." Sie hat noch eine zweite, größere Sorge: "In sechs bis zwölf Monaten werden wir sehen, wie viele Mädchen und Frauen durch unsichere Abtreibungen ums Leben kamen, weil sie keinen Zugang zu Familienplanungs-Diensten hatten."