Stil

In der Business-Welt wird immer weniger Krawatte getragen

Michael Ruffert

Von Michael Ruffert (epd)

Di, 08. September 2020 um 13:53 Uhr

Panorama

In deutschen Büros geht es seit längerem eher leger zu – zumindest in Sachen Mode. Selbst Banker und Konzernchefs zeigen sich öfters ohne Binder – zum Leidwesen der Krawattenhersteller.

Eine Jahrhunderte alte Tradition ist in der Krise: Bereits die alten Römer banden sich Tücher um den Hals, kroatische Soldaten in Frankreich wollten im Dreißigjährigen Krieg mit Bindern zwischen Freund und Feind unterscheiden – doch der modern-schicke Mann von heute verzichtet immer häufiger auf die Krawatte: "Die Bedeutung nimmt zweifellos ab", bestätigt Renata DePauli, Gründerin und Geschäftsführerin des Mode-Onlineshops herrenausstatter.de. Die Businessmode zeige sich heute legerer, immer mehr Unternehmen verzichteten auf die Krawattenpflicht. Das wirkt sich auf den Umsatz aus: "Seit 2015 haben sich die Verkaufszahlen für die Krawatte bei uns halbiert", räumt DePauli ein.

Der Trend dürfte sich durch die aktuelle Corona-Krise noch verstärken. "Im Home-Office braucht man keine Krawatte", sagt Andre Bangert, Ressortleiter bei der Zeitschrift "Textilwirtschaft". Zudem gibt es derzeit weniger festliche Anlässe wie Hochzeiten, Geburtstage und Jubiläen, bei denen der schicke Anzug und Schlips für manchen Mann dazu gehört. Der Hauptgrund für den schleichenden Abschied von der Krawatte liegt aber in der sich lockerer gebenden Geschäftswelt: "Sie gehört nicht mehr zur Business-Uniform", erläutert Bangert, "sondern ist zu einem Objekt für Lustkäufer geworden."

Der Schlips galt lange als Zeichen von Seriosität

Tatsächlich ist die Krawatte quasi als Standardausstattung eines Bankers und Angestellten der Sparkasse inzwischen obsolet. "Bei der Deutschen Bank gibt es keine Krawattenpflicht", stellt eine Sprecherin klar. Den Mitarbeitern sei das Tragen freigestellt, und der Binder werde meist vor allem bei offiziellen Anlässen angelegt. "Die KfW macht sich locker und legt die Krawatte weitgehend ab", sagt auch KfW-Sprecherin Sybille Bauernfeind. Sie sei im Arbeitsalltag seltener geworden und werde vor allem bei offiziellen Kontakten zwischen Mitarbeitern der staatseigenen Bank und Politikern angelegt. Und die meisten Sparkassen und Volksbanken verfahren längst genauso.

Dabei galt der Binder um den Hals gerade in der Geschäftswelt lange Zeit als Ausdruck von Seriosität und Status: "Der Krawattenträger signalisiert, dass er vertrauenswürdig ist und Regeln einhält", erläutert Inga Rottländer, Sprecherin bei der Online-Jobvermittlung Stepstone. Deshalb gehörte der Schlips lange bei Banken und Versicherungen zum Dresscode, weil es dort um sensible Informationen geht. Der "Niedergang der Krawatte", sagt Rottländer, habe heute mit einer veränderten Arbeitswelt und einer modernen Unternehmenskultur zu tun, in der es lockerer im Team zugehe und Menschen in einer eher flachen Hierarchie arbeiteten.

Dabei begann der Trend zur "Casualisierung der Herrenmode" nach Beobachtung des Krefelder Krawattenherstellers Sascha Blick bereits vor zehn bis 15 Jahren. "Die Krawatte abzulegen hatte zwar nichts Rebellisches mehr, aber entsprach dem Trend zu weniger Förmlichkeit, mehr Lässigkeit und vermeintlicher Coolness." Mit deutlicher Auswirkung auf das Mode-Geschäft, wie Blick aus regionaler Sicht weiß: "Allein in Krefeld gab es noch in den 80er-Jahren fünf große Webereien und rund 40 Krawattenhersteller. Heute: Kein Weber. Vier Hersteller." Bundesweit, berichtete im vergangenen Jahr die Frankfurter Allgemeine Zeitung, wurden in Deutschland 2010 rund 18,2 Millionen Krawatten verkauft, 2018 waren es nur noch 16,3 Millionen.



In manchen Kreisen erlebt sie aber ein Revival

Das Ende des Krawattenzwanges in der Geschäftswelt befreit die Männer von einer anstrengenden Pflicht: Denn das Tragen und das Binden einer Krawatte ist keine Kleinigkeit, sondern beinhaltet viele Fallstricke. Es gibt klare Vorschriften, erfährt man beim Krawatten-Knigge: "Richtig gebunden, endet die Krawattenspitze exakt einen Zentimeter über dem Hosenbund", ist dort zu lesen. Und das schmale Ende der Krawatte dürfe keinesfalls "frei herumbaumeln", sondern müsse durch eine Schlaufe in der Innenseite hindurch gefädelt werden.

1999 errechneten Wissenschaftler der Cambridge Universität, dass es 85 Arten gibt, eine Krawatte zu knoten, darunter der klassische doppelte und einfache Windsor. Aber für die Hochzeit empfiehlt der Knigge den Eldredge-Knoten, für Geburtstage den Finfrock-Knoten und für Büromeetings den Trinity-Knoten.

Junge, modebewusste Männer machen sich solche Gedanken vermutlich nicht. In bestimmten Kreisen scheint die Krawatte aber eine gewisse Renaissance zu erleben. "Die Krawatte wird inzwischen für Casual-Looks wieder beliebter und vor allem bei jungen, trendigen Männern beim Weggehen mit Freunden gewählt", stellt Renata DePauli fest. Allerdings trügen diese die Krawatte auf eine entspannte, lässige Art und weniger als Statussymbol. Auch Krawattenhersteller Sascha Blick glaubt, dass die Verkaufszahlen wieder steigen: "Die Mode war immer ein Pendel und wird es ewig bleiben. Auf reduziert folgt opulent, auf schmale Formen folgen weite – und auf Jogginghosen mit T-Shirt folgen, hoffentlich, Zwei-Reiher mit Krawatte."