Flüchtiges am Himmel

Paula Konersmann

Von Paula Konersmann (KNA)

Fr, 25. September 2020

Panorama

Im Herbst kehren die Wolken zurück – und der Betrachter schwankt zwischen Furcht und Faszination.

. Der Herbst ist die Zeit der Wolken. Wie viele Wolken es gibt, hat sich trotz extremer Wetterlagen laut Forschern nicht entscheidend verändert. Wie die Menschen sie wahrnehmen, wandelt sich jedoch stark.

In der Bibel steigt Gott selbst in einer Wolke auf die Erde und spricht zu Moses. Wolken haben die Menschen immer schon beschäftigt: als Idylle in Form von fluffigen Schäfchenwolken an einem Sommertag, aber auch als bedrohliche Gewitterwolken. Wer auf Wolke sieben schwebt, ist glücklich, und mancher Schuh-Fabrikant wirbt mit dem Gefühl, wie auf Wolken zu gehen.

Für die Kunst sind die schwer greifbaren Formen am Himmel, die sich ständig verändern, eine Quelle der Inspiration. Der Dichter Hans Magnus Enzensberger hat sie in "Die Geschichte der Wolken" genauer betrachtet – als etwas Flüchtiges, das den Menschen gleichwohl überdauern werde. Auch der Autor Christoph Aigner beschreibt sie in "Logik der Wolken" als ambivalent: Vage Formen, die dennoch einer Gesetzmäßigkeit folgen. Der Humanist Leon Battista Alberti (1404-1472) gab einst die Parole aus, Maler mögen auf entsprechende Darstellungen besser verzichten, weil Wolken Oberfläche und Kontur vermissen ließen. Doch schon wenig später nahmen die Künstler darauf keine Rücksicht mehr. Der französische Philosoph und Kunsthistoriker Hubert Damisch sah in seiner "Theorie der Wolke" darin Zeichen für einen tiefgreifenden Wandel innerhalb der Malerei.

Und die Sicht auf Wolken verändert sich weiter. Für den in Göttingen geborenen Schriftsteller John von Düffel war "Regen immer etwas Deprimierendes – und im Überfluss Vorhandenes". Das habe sich mit den vergangenen Hitzesommern gewandelt, sagt der Autor: "Wie kostbar Regen geworden ist, wie sehr Wolken aufgehört haben, etwas Bedrückendes zu sein – und vielmehr ein Versprechen." Der Blick auf "das Alltäglichste überhaupt", das Wetter, habe sich massiv verändert, meint von Düffel.

Dass die Malerei von den flüchtigen Himmelsgebilden angeregt wurde, liegt aus seiner Sicht nahe: "Jede Wolke ist auch ein sich verwandelndes Bild." Neuerdings hätten sich Wolken allerdings darauf reduziert: "Sie sind nur noch Gemälde ihrer selbst – so wie man über einen Menschen sagt, er sei nur noch ein Schatten seiner selbst." Denn immer häufiger bleibe der erwartete Regen aus. "Die Wolke hat damit nur noch die Bedeutung eines Bildes: Sie bedeutet nichts für unsere Lebensrealität, wir müssen keinen Schirm mitnehmen."

Ein Verein in London will mehr Wertschätzung für Wolken

Um diese Beobachtungen geht es in von Düffels neuestem Roman, "Der brennende See". Darin spielt ein fiktives "Wolkenbuch" eine wichtige Rolle – eben weil sich die Wahrnehmung von Wolken so verändert habe, erklärt der Autor. "Kaum dass Veränderungen da sind, werden sie zur Normalität: die heißen Sommer, die Dürrephasen, brennende Wälder." Solche Entwicklungen zu beschreiben, sei eine elementare Leistung von Literatur – und daraus könne auch ein politisches Momentum werden, so der Schriftsteller.

Troposphären-Forscher Andreas Macke befasst sich seit seinem Studium mit Wolken – und findet sie immer noch faszinierend. "Es ist unglaublich, was der Himmel an Bildern zaubert", sagt der Direktor des Leibniz-Instituts für Troposphären-Forschung in Leipzig. "Wir schauen allerdings fast nie hin – das ist schade."

Die "Cloud Appreciation Society" mit Sitz in London will seit 15 Jahren das Verständnis und die Wertschätzung für Wolken fördern. Sie hatte im Frühjahr nach eigenen Angaben über 50 000 Mitglieder weltweit.

Das Thema bewegt. Doch in der Klimaforschung sind Wolken "das große Fragezeichen", sagt Macke. Sie sind wichtig, weil die Sonnenstrahlung auf dem Weg zum Erdboden durch sie hindurch muss – und die Wärmestrahlung wieder zurück. Doch die Wolken sind eben auch vielfältig. "Ein Tiefdruckgebiet, das mehrere tausend Kilometer groß ist, kann man als Wolke bezeichnen – und eine Schäfchenwolke genauso. Diese unterschiedlichen Arten von Wolken verändern sich innerhalb von Minuten." Klima-Modelle könnten das kaum abbilden.

Die Verteilung der globalen Bewölkung – die Erde ist zu zwei Dritteln mit Wolken bedeckt – ist gut erforscht. Auch ihre Dreidimensionalität soll mit neuen Satelliten bald untersucht werden können. Mehr oder weniger Wolken gibt es jedenfalls nicht, sagt Macke. Aber: "Die Extreme im Wetter nehmen zu", so der Forscher. "Das sollte uns zu denken geben."