Smombies

Verkehrsteilnehmer achten mehr aufs Handy als auf die Straße

R. Böhm / T. Strünkelnberg

Von R. Böhm / T. Strünkelnberg (dpa)

Mi, 20. April 2016

Panorama

Immer mehr Unfälle passieren, weil die Verkehrsteilnehmer mehr auf ihr Handy als auf die Straße achten.

Autofahrer werden vor Bällen oder Kindern gewarnt, die ihnen vor den Wagen springen könnten. Heutzutage kann es aber auch ein "Smombie" (Smartphone-Zombie) sein, der ständig auf sein Telefon schaut. Jeder sechste Fußgänger kümmert sich laut einer Großstadtstudie mehr ums Smartphone als um den Straßenverkehr.

Ein junges Mädchen bleibt mitten auf der Straße stehen, holt sein Handy raus, beginnt zu tippen. Erst als ein Busfahrer hupt, wird ihm klar, wo es steht. Beobachtungen wie diese sind in Europas Großstädten keine Seltenheit, wie es in einer Studie der Dekra-Unfallforschung heißt. Jeder sechste Fußgänger ist demnach irgendwie mit seinem Handy beschäftigt. Schnell noch Mails checken, Facebook füttern, Nachrichten bei Whats-App schreiben – die Smartphone-Generation "Kopf unten" ist nicht nur am Steuer, sondern auch zu Fuß eine Gefahr im Straßenverkehr.

Als "Smombie" wird der Fußgänger für Autofahrer, Radfahrer und andere unberechenbar. "Smombies" sind Menschen, die von der Umwelt nichts mehr mitbekommen, weil sie nur noch auf ihre Smartphones starren. Fast 14 000 Fußgänger wurden für die Studie beobachtet. Von denen, die mit den Gedanken wohl nicht auf der Straße, sondern am Handy waren, tippten die meisten einen Text ein, telefonierten oder taten beides gleichzeitig. Andere trugen Ohrstöpsel oder Kopfhörer und hörten wohl vor allem Musik – und nicht den Straßenverkehr. "Telefonieren, Musikhören, die Nutzung von Apps oder auch das Tippen von Textnachrichten sorgen im Straßenverkehr für riskante Ablenkung", sagt Clemens Klinke vom Dekra-Vorstand.

Verboten ist das Ganze nicht. Während "Smombies" als Autofahrer mit einem Bußgeld von 60 Euro und einem Punkt in der Flensburger Verkehrssünderdatei rechnen müssen, werden sie als Fußgänger nicht bestraft. Eine Ordnungswidrigkeit sei das nicht, sagt Michael Schossig, Sprecher der Stuttgarter Polizei. Im Landesverkehrsministerium in Stuttgart hält man von einer Bestrafung von Fußgängern auch nichts. Die Vollstreckung sei schwierig: "Wir setzen auf Aufklärung, Vernunft und Freiwilligkeit."

Der Blick nach unten ist ein globales Problem. Mit einem Augenzwinkern soll eine Universität in den USA eine "Text Lane" (Textspur) eingerichtet haben, auf der Studenten mit Smartphone laufen sollen. In China wurden Gehwege für Smartphone-Jünger gesehen und in Antwerpen gibt es ebenfalls eine eigene Spur für Handynutzer. Jüngere Fußgänger der "Generation Kopf unten" nutzen die Smartphones der Studie zufolge häufiger als ältere. Mit mehr als 22 Prozent war die intensivste Nutzung in der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren zu beobachten. Laut Dekra sind 22 Prozent aller Verkehrstoten in der EU Fußgänger. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wird jeder zehnte Todesfall auf deutschen Straßen durch falsches Verhalten von Fußgängern verursacht.

Ein sechs- bis zwölffach höheres Unfallrisiko

Mehr als sechs von zehn Bundesbürgern nutzen die internetfähigen Handys, wie der Branchenverband Bitkom errechnete. Das entspricht mehr als 44 Millionen Deutschen mit Smartphones. Falls diese sich als Fußgänger von der Technik ablenken lassen und einen Unfall verursachen, ist zumindest die Haftungsfrage geklärt: "Bei Fußgängern tritt die Privathaftpflicht ein", sagt Allianz-Sprecher Christian Weishuber in München. Der Autoclub ACE verweist auf eine Studie, nach der Jugendliche alle siebeneinhalb Minuten auf ihr Smartphone schauen. Dieses Verhalten sei im Alltag antrainiert und lasse sich nicht einfach abstellen.

Mit Ablenkungen im Straßenverkehr beschäftigt sich auch eine neue, bislang unveröffentlichte Studie der Technischen Universität Braunschweig, die dem Norddeutschen Rundfunk vorliegt. Allerdings stehen dort die Autofahrer im Mittelpunkt. Verkehrspsychologen stellten bei der Beobachtung von etwa 12 000 vorbeifahrenden Autos fest, dass 4,5 Prozent der Fahrer mit dem Mobiltelefon hantierten. Die Wissenschaftler hätten im 2015 knapp 12 000 vorüberfahrende Autos an 30 Standorten in Hannover, Braunschweig und Berlin beobachtet.

Grund für die unzulässige Handynutzung seien neben der stark gestiegenen Zahl von Smartphones das mangelnde Problembewusstsein, so der Leiter der Studie, Verkehrspsychologie-Professor Mark Vollrath: "Den Leuten scheint nicht klar zu sein, wie gefährlich gerade das Tippen auf dem Handy ist." Das Schreiben einer SMS oder das Tippen einer Telefonnummer erhöhe Studien zufolge das Unfallrisiko um das Sechs- bis Zwölffache. In Deutschland führten nur wenige Bundesländer Statistiken zur Handynutzung am Steuer, als Unfallursache könne dies in weniger als 0,1 Prozent der Fälle nachgewiesen werden. Vollrath hält aber die Erfassung durch die Polizei für lückenhaft.