Unfehlbarkeit

Papst Pius IX. wollte der Gefährdung von außen und innen ein Ende setzen

Hans-Joachim Michel

Von Hans-Joachim Michel (Freiburg)

Di, 28. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Kein Mensch ist unfehlbar", Interview von Johannes Adam mit Helmut Hoping (Kultur, 23. Juli)
Bemerkenswert im Interview von Dogmatikprofessor Hoping ist wohl der Satz: "Die Schrift als primäre Norm des Glaubens erklärt sich nach katholischem Verständnis nicht selbst, sie bedarf der Interpretation. Dies geschah von Beginn an in gewachsenen Glaubens- und Überlieferungsgemeinschaften." Damit erklärt sich eine Institution (die Kirche) zur alleinig berechtigten Deutung ihrer Gründungsurkunden. Wer hat dieser Institution diese Vollmacht gegeben?

Das erschließt sich wiederum aus Texten (Bibel) und Traditionen, die maßgebende Vertreter dieser Kirche so deuten und nur sie selbst so deuten können! Eine Zirkelargumentation ohnegleichen, und ihre Vertreter scheinen es nicht einmal zu merken. Auf diese Weise ist man unanfechtbar und immun gegen jedes Forschungsergebnis einer historisch-kritischen Wissenschaft und Textkritik. Was braucht es noch Geschichtsforschung, was noch Exegese? Die die kirchliche Lehre, in der Dogmatik zusammengefasst, sagt, wie die Geschichte und Bibel zu deuten ist. Nur übersieht Herr Hoping nebenbei, dass die Dogmatik selbst eine Disziplin der Dogmengeschichte kennt und also einer historischen Kritik nicht entbehren kann. Dabei wird selbst innerhalb dieses Systems klar, wie strittig die Deutungshoheit innerhalb dieser Institution selbst war und ist.

Dieser doppelten "Gefährdung" von außen (Moderne) wie von innen (Theologenzwist) wollte, wie es scheint, Papst Pius IX. mit seinem Dogma der Unfehlbarkeit ein Ende setzen. Herr Hoping erweist sich somit als typischer Vertreter einer unhistorischen und unkritischen Weltsicht, die die Sehnsucht nach dem absolut Wahren und Gültigen in einem "wasserdichten" System Wirklichkeit werden lassen will. Hans-Joachim Michel, Freiburg