Norwegen

Passagiere waren 26 Stunden voller Angst

André Anwar

Von André Anwar

So, 24. März 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Vor der Küste Norwegens gerät ein Kreuzfahrtschiff mit 1373 Menschen an Bord in Seenot. Es spielten sich dramatische Szenen ab.

MOLDE/STOCKHOLM. Nach 26 angsterfüllten Stunden für die Passagiere konnte ein norwegisches Kreuzfahrtschiff am Sonntagnachmittag im sicheren Hafen von Molde in Nordwestnorwegen anlegen. Das mit der Belegschaft 1373 Menschen zählende Schiff war am Samstag wegen einem heftigen Sturm und gleichzeitigem Motorenversagen in Seenot geraten.

Zwei Schleppern gelang es erst am Sonntagmorgen, das 228 Meter lange Schiff Richtung Molde zu wenden. Auch die Motorenschäden wurden in der Nacht behoben, so dass das Schiff mit dem Namen Viking Sky bei aufklarendem Wetter wieder aus eigener Kraft fahren konnte. Bis zur Weiterfahrt am Sonntagmorgen fand jedoch eine dramatische rund 20 Stunden lange Rettungsaktion von insgesamt 463 Passagieren mit Hubschraubern statt.

Das Schiff geriet am frühen Samstagnachmittag in Seenot. Nur wenige Kilometer vor einem besonders gefährlichen Teil der norwegischen Nordwestküste zwischen Molde und Kristiansund schaukelte das riesige Kreuzfahrtschiff mit 14 Decks hilflos Richtung Land, während der Sturm meterhohe Wellen aufpeitschte. Die Motoren der erst 2017 vom Stapel gelaufen Viking Sky hatten mitten im Sturm den Geist aufgegeben. Unklar bleibt warum. Um 14 Uhr schickte der Kapitän den Notruf aus, weil er die Sicherheit seiner Passagiere und der Besatzung nicht mehr gewährleisten konnte.

Die 1373 Menschen an Bord mussten sich auf das Schlimmste vorbereiten. Handyvideos vom Schiff zeugen von Panik, Möbel rutschten wild hin und her, Dachteile stürzten auf Reisende, Rettungswesten wurden ausgeteilt. Der Mannschaft gelang es dann in letzter Minute, die Anker erfolgreich auszuwerfen, um die Schiffsposition zu stabilisieren. "Ich dachte an die Titanic", so der am Sonntagmorgen per Helikopter evakuierte US-Passagier Rodney Hogen. "Wir saßen im Restaurant. Es begann, kräftig zu schaukeln. Plötzlich gab ein Fenster oder eine Tür durch eine meterhohe Welle nach, Wasser strömt hinein und riss Tische Stühle und Geschirr und 20 bis 30 Leute direkt vor mir mit sich. Meine Frau saß mir gegenüber, plötzlich war sie nicht mehr da. Da dachte ich, das ist das Ende", berichtet der Rentner dem Sender NRK.

Laut vorläufigen Zahlen wurden 20 Passagiere verletzt, drei davon schwer. Der kräftige Sturm machte eine Evakuierung der Passagiere mit Rettungsbooten am Samstag unmöglich. Fünf Helikopter flogen deshalb im Pendelverkehr hin und her, um so 1373 Passagiere zu evakuieren. Dies bei einer Windgeschwindigkeit von zeitweise über 70 Kilometern pro Stunde. Jeder Helikopter konnte nur bis zu 15 Personen gleichzeitig mitnehmen, so NRK. Insgesamt wurden so 463 Passagiere ausgeflogen. Am Morgen konnte die Viking Sky dann endlich mit Hilfe von Schleppern und auch aus eigener Kraft mit den verbleibenden Passagieren Kurs auf den Nothafen in Molde nehmen.

Am Sonntag wurde erstmals Kritik an der verantwortlichen Reederei laut – weil das Schiff im Sturm ausgelaufen war, wegen des plötzlichen Motorenstopps und weil viele Möbel im Schiff nicht angeschraubt waren. Das sei aufgrund von Stabilisatoren nicht mehr üblich auf modernen Schiffen, so der Schiffsexperte Erik Tveten.

Warum das Schiff bei so schlechtem Wetter ausgelaufen war, wollte Reedereieigentümer Torstein Hagen am Sonntag nicht kommentieren. Nach der Beinahe-Katastrophe am Samstag hatten andere Schiffe ihre Weiterfahrt aufgrund des Unwetters eingestellt und Passagiere stattdessen per Flugzeug weitertransportiert. Auch ein Frachtschiff geriet am späten Samstagabend unweit vom Kreuzfahrtschiff in Seenot. Deren neun Besatzungsmitglieder wurden ebenfalls mit Helikoptern evakuiert.

Schiffseigentümer Hagen will sämtliche vor allem aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Passagiere der Viking Sky von Molde aus heimfliegen lassen. Das Schiff war auf dem Weg von Tromsö zur Küstenstadt und Ölindustriemetropole Stavanger. Insgesamt ist es für 930 Passagiere ausgelegt.