Handball

Patrick Gempp hat sich seinen Platz bei Bundesligist Wetzlar erkämpft

Matthias Konzok

Von Matthias Konzok

Fr, 30. April 2021 um 06:00 Uhr

Handball 1. Bundesliga

Unter erschwerten Bedingungen ist Patrick Gempp in seine erste Bundesliga-Saison gestartet. Doch der Weiler Handballer arbeitet hart, längst steigen auch seine Einsatzzeiten bei der HSG Wetzlar.

Es gab im Sport schon Spielerwechsel, die fix waren, und doch noch scheiterten. Gescheitert, weil die eigene Trikotnummer bereits vergeben oder gesperrt war. Für manche Sportler ist ihre Nummer nicht verhandelbar, sie zu wechseln käme einer fahrlässigen Herausforderung des Schicksals gleich. Handballer Patrick Gempp pflegt da eine pragmatische Herangehensweise. Wechselt der 24-jährige Weiler den Verein, wechselt er meist auch die Trikotnummer.

"Bei der DJK Rimpar hatte ich die 13, die war bei der HSG Wetzlar vergeben", sagt Gempp, "außerdem wollte ich eine neue Nummer." Er konsultierte den Familienrat, nach einer "längeren Diskussion" und reiflicher Überlegung ziert nun die 31 sein Dress. "Die Drei, weil Wetzlar mein dritter Profiverein ist, die Eins für die erste Liga." Was beim ESV Weil begann, führte Gempp über den damaligen Drittligisten TV Großwallstadt und Zweitligist Rimpar vor der Saison nach Wetzlar. Der hessische Erstligist genießt gerade in der Talentförderung und -entwicklung einen exzellenten Ruf.

Nach einer Herzerkrankung fing Gempp wieder bei Null an

Die Corona-Pause im vergangenen Jahr nutzte Gempp zur intensiven Vorbereitung, vor der ersten Bundesliga-Saison "hatte ich ein gutes Gefühl". Zum Trainingsauftakt im Juli aber der Rückschlag: Herzmuskelentzündung. Die Zwangspause erstreckte sich über die zweieinhalbmonatige Vorbereitung. "Ich konnte an keinem Training teilnehmen", sagt der Kreisläufer über einen "schwierigen Beginn". Die erarbeiteten Grundlagen? "Alles weg – Kraft, Ausdauer und so weiter. Man fängt wieder bei Null an."

Seine Erkrankung hat Gempp auskuriert, "zur Sicherheit muss ich alle zwei Wochen zur Kontrolle". Anfang Oktober, pünktlich zum ersten Spieltag, stieg er ins Training ein und stand umgehend im Aufgebot. "Ich musste schauen, meinen Körper so gut wie möglich in Form zu bekommen und gleichzeitig auf die Spiele vorbereitet zu sein." Es galt, Abläufe zu lernen und Automatismen zu verinnerlichen.

Auf seiner Position lernen kann und soll er in dieser Saison vom Schweden Anton Lindskog, seit Januar im Rang des Vizeweltmeisters. Wissbegierig ist Gempp ohnehin, dessen Arbeitsethos lobte auch sein damaliger Rimpar-Coach Ceven Klatt ("Patrick ist sehr trainingsfleißig, hat die richtige Einstellung zum Profisport"). Passend dazu betreibt der Weiler vor den Partien zusätzliches Videostudium: "Ich schaue mir immer die letzten zwei Spiele unseres nächsten Gegners an", wobei er seine private Extraschicht nicht überhöhen möchte: "Das gehört dazu."

Gempp kommt auch in wichtigen Spielsituationen aufs Parkett

Die WM-Pause nutzte Gempp, um seinen Trainingsrückstand weiter aufzuholen. Die Fortschritte spiegeln sich in steigenden Einsatzzeiten wider. Trainer Kai Wandschneider "vertraut mir immer mehr", sagt Gempp, der auch in wichtigen Situationen – etwa bei sieben gegen sechs als zweiter Kreisläufer neben Lindskog – aufs Parkett kommt. 16 Tore aus 27 Spielen sind für den Rechtshänder vermerkt, sein Wert umfasst aber weit mehr, als die Statistiken erfassen: Gegner sperren, Räume schaffen, Siebenmeter rausholen, Bälle gewinnen.

Seinen persönlichen Höhepunkt erlebte er Mitte April, beim 31:24-Sieg beim TVB Stuttgart "durfte ich viel spielen und erzielte vier Treffer". Mit Wetzlar belegt er aktuell Rang sechs, doch das Mittelfeld ist eng beisammen, die Konkurrenz hat bis zu vier Spiele weniger als die HSG absolviert. "Wenn wir am Ende einen einstelligen Tabellenplatz erreichen, können wir zufrieden sein", findet Gempp.

Nach der Länderspielpause geht es am Mittwoch gegen den TBV Lemgo weiter, am Samstag gastiert Wetzlar bei Spitzenreiter SG Flensburg-Handewitt. Überraschungssiege hat die HSG in dieser Runde bereits gelandet: gegen Titelverteidiger THW Kiel sowie die hochgehandelten Rhein-Neckar Löwen und Füchse Berlin. "Gegen solche Mannschaften überhaupt eine Chance zu haben, hätte man sich früher nie erträumen lassen", sagt Gempp. "Das ist etwas ganz Besonderes."