Neu im Kino

Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" ist eine Lebensbeichte

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Di, 23. Juli 2019 um 20:09 Uhr

Kino

Almodóvar inszeniert kunstvoll und behutsam und ist sich auch in seinem 22. Kinofilm – zwischen Fiktion und sehr viel autobiografischer Wahrheit – treu geblieben.

Wenn ein inzwischen fast 70-jähriger, von etlichen Gebrechen geplagter Filmregisseur einen Film über einen alternden, von etlichen Gebrechen geplagten Filmregisseur dreht, der wegen Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, Tinnitus, Depressionen und anderer Malaisen nicht mehr drehen kann und den der Ruhm der Vergangenheit verfolgt, dann ist der erste Impuls, zu fragen: Will man das wirklich sehen? Muss man das sehen? Spätestens nach einer Stunde und 53 Minuten lautet die Antwort: Ja, man sollte. Denn der neue Film "Leid und Herrlichkeit" (im spanischen Original "Dolor y Gloria") von Pedro Almodóvar ist ein wunderbar intimes, vielschichtiges und feinsinnig komponiertes Kunstwerk. Und gänzlich uneitel.

Pedro Almodóvar Caballero, geboren am 25. September 1949 in der zentralspanischen Provinz Ciudad Real in der Autonomen Region Kastilien-La Mancha, ist der international bekannteste spanische Regisseur des zeitgenössischen Kinos. Sein Alter Ego in "Leid und Herrlichkeit" heißt Salvador Mallo, gespielt vom Hollywoodstar Antonio Banderas, der mit Almodóvar bereits in den wilden 1980er Jahren in Madrid drehte ("Labyrinth der Leidenschaften", "Fessle mich!", "Das Gesetz der Begierde") und der für seine Rolle als grauhaarig-zerzauster, melancholischer Regisseur zu Recht in Cannes bei den diesjährigen Filmfestspielen als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.

"Madrid gehörte uns!"

Jene "Movida Madrileña", der hedonistische Aufbruch der Jugend nach fast fünf Jahrzehnten lähmender Franco-Diktatur, nimmt in dem Film einen großen Raum ein. Der umtriebige Almodóvar, der in einer dadaistischen Punkband spielte, zu dieser Zeit gerne Frauenkleider trug und mit seinen Filmen den Durchbruch schaffte, war einer ihrer Protagonisten.

"Madrid gehörte uns!", erinnert sich im Film auch der Schauspieler Alberto Crespo (gespielt von Asier Etxeandia), der 32 Jahre zuvor mit Salvador gedreht hatte. Das Filmplakat von "Sabor" (deutsch: Geschmack) in seiner Küche zeigt pralle rote Lippen und eine lockende Zunge und erinnert an die damalige Lebenslust und Gier – die auch ihren Tribut fordern sollte.

Zwischen Fiktion

und autobiografischer

Wahrheit

So zerstritten sich beide am Set wegen Albertos Heroinsucht, Salvadors damaliger Partner Federico (Leonardo Sbaraglia) war ebenfalls Opfer dieser Droge. Exzess, Ekstase, Opulenz und Kreativität auf der einen Seite, unendliche Traurigkeit auf der anderen Seite. Madrid sei eine "schwierige Arena" gewesen, erinnert sich Salvador in Anlehnung an die Sprache der Stierkämpfer an diese Zeit.

Der Regisseur und sein Schauspieler kommen sich nun wieder näher, weil "Sabor" neu entdeckt wird, Salvador schenkt dem abgetakelten Alberto, der wieder zurück auf die Bühne will, ein autobiografisches Manuskript: "La adicción" ("Die Abhängigkeit"). "Dieser Text ist ein Geständnis", sagt Salvador. "Die Einsamkeit konnte ich nie aus meinem Herzen vertreiben", steht darin. Und: "Die Liebe kann die Sucht nicht besiegen."

Als das Stück auf die Bühne kommt, sitzt Federico, seit langem clean und in Argentinien erfolgreicher Unternehmer und Familienvater, im Publikum. Einer der am meisten berührenden Momente im Film ist das Wiedersehen der ehemaligen Partner: Der leidenschaftliche Kuss zweier ergrauter Endfünfziger. Diese Begegnung wird Salvador den Weg in ein neues Leben ebnen.

Selbst die Adresse stimmt

"Leid und Herrlichkeit" oszilliert zwischen Fiktion und sehr viel autobiographischer Wahrheit. Im Drogenrausch reist der alternde Salvador zurück in sein Leben, das dem von Almodóvar in vielen Aspekten gleicht. Da sind die Kindheit des kleinen, schon früh an Filmen und Büchern interessierten Salvador auf dem Land und die ihn umsorgende Mutter Jacinta (gespielt von Penélope Cruz, die in "Volver" und "Zerrissene Umarmungen" mit Almodóvar arbeitete). Auch Pedro Almodóvar wuchs in der Provinz auf, auch bei ihm ist eine innige Beziehung zur Mutter überliefert.

Weiter ist da die Strenge in einem Priesterseminar, die es im Film und im wirklichen Leben gab – auch im Drama "La mala educación – Schlechte Erziehung" (2004) spielt dies eine Rolle. Antonio Banderas trägt im Film zudem die Garderobe von Almodóvar, die Kulisse besteht aus den – äußerst geschmackvollen – Möbeln und Bildern des Regisseurs. Und selbst die Adresse, die der erwachsene Salvador im Film einem Taxifahrer nennt, stimmt: Der leibhaftige Pedro Almodóvar lebt am Paseo del Pintor Rosales, einer sehr hübschen Straße nicht weit vom Madrider Königspalast.

Almodóvar ist sich auch in seinem 22. Kinofilm, in dieser Lebensbeichte, treu geblieben. Er inszeniert kunstvoll und behutsam, er verfasst auch hier eine Hymne auf starke Frauen – und er beschreibt wie so oft, dass Leid und Begierde nahe beieinander liegen, dass das eine ohne das andere nicht gedacht werden kann.
"Leid und Herrlichkeit" (Regie: Pedro Almodóvar) läuft ab Donnerstag in Freiburg und Basel. Frei ab sechs Jahren. Bereits am heutigen Mittwoch, 24. Juli, ist der Film um 21.30 Uhr zum Auftakt des Sommernachtskinos im Schwarzen Kloster Freiburg zu sehen.