Stellenspezial Gesundheit

Pflegeberufe modernisieren: Studie zu Qualität und Attraktivität vorgestellt

kna

Von kna

Do, 07. März 2019 um 12:04 Uhr

APA

Wenn es um die Qualität und Attraktivität der Pflegeberufe geht, sind andere Länder deutlich weiter als Deutschland.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Situation der Pflege in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Kanada und Deutschland miteinander vergleicht. Im Interview der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) beschreibt Studienleiter Michael Ewers, wo Deutschland aufholen muss.

Die Pflege in Deutschland ist zu einem wichtigen politischen Thema geworden. Gibt es ähnliche Probleme in anderen Ländern?

Ewers: Alle in unserer Studie betrachteten Länder haben Probleme bei der Suche nach Fachkräften wie auch bei der Sicherung der Versorgung wegen der zunehmenden Zahl alter und vielfach auch mehrfach erkrankter Menschen.

Reagieren die Länder ähnlich?

Ewers: Durchaus, ähnlich wie Deutschland bemühen sich auch andere Länder um bessere Arbeitsbedingungen sowie um die Gewinnung von Arbeitskräften mit geringer Qualifikation und von Pflegekräften aus dem Ausland. Aber es werden auch andere Wege beschritten: Beispielsweise wird deutlich mehr in die hochschulische Aus- und Weiterbildung von Pflegepersonen investiert. Die Selbstorganisation der Pflege hat große Bedeutung, und qualifizierten Pflegefachpersonen werden mehr anspruchsvolle Aufgaben und mehr Verantwortung übertragen.

Was ist in anderen Ländern anders bei der Ausbildung?

Ewers: In Großbritannien, Schweden, den Niederlanden und Kanada ist die Aus- und Weiterbildung der Pflegekräfte überwiegend an Hochschulen angesiedelt und somit in die Strukturen der jeweiligen Bildungssysteme eingebettet. In Deutschland nimmt die Pflegeausbildung an Schulen besonderer Art eine berufs- und bildungsrechtliche Sonderstellung ein. Das wirkt sich nachteilig auf die Ausstattung der Schulen und die Qualifikation des Lehrpersonals aus. Zudem fehlt es an einheitlichen Kompetenzprofilen sowie externer Qualitätssicherung und -entwicklung.

Mehr Kompetenzen für die Pflegenden, bedeutet das nicht weniger Einfluss für die Ärzte?

Ewers: Eine starke Pflege ist das Rückgrat des Gesundheitswesens, so ein Vertreter des kanadischen Gesundheitsministeriums. Tatsächlich wird in den anderen Ländern anerkannt, dass kompetente Pflegefachpersonen sich positiv auf die Patientensicherheit und die Qualität der interprofessionellen Versorgung auswirken.

Was heißt das konkret?

Ewers: Der Aufgaben- und Verantwortungsbereich von Pflegefachpersonen in Deutschland ist eng begrenzt, oftmals werden sie lediglich als verlängerter Arm von Ärzten oder anderen Berufsgruppen betrachtet. In den anderen Ländern sind sie dagegen für die anspruchsvolleren Aufgaben ausgebildet, die sie auch selbstständig oder in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit anderen durchführen.

Das bedeutet aber auch, dass die Ausbildung anders werden muss?

Ewers: Das ist richtig. Sie muss auf die gewachsene Verantwortung vorbereiten. Auch deshalb werden mehr hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen eingesetzt. Während in Deutschland lediglich ein bis zwei Prozent der Absolventen eines Ausbildungsjahrgangs ein Studium der Pflege abgeschlossen haben, liegt der Anteil in Schweden und Großbritannien bei 100 Prozent. Dort ist ein Hochschulstudium auf Bachelorebene inzwischen der einzige Zugang zum Beruf.

Halten Sie eine größere Differenzierung bei den Pflegeberufen für sinnvoll?

Ewers: Ja, es ist sinnvoll, mehr Assistenten und Helfer einzusetzen, die dann einfachere (sozial-)pflegerische Aufgaben übernehmen können. Allerdings müssen sie dabei von Fachkräften angeleitet und beaufsichtigt werden. Die wiederum können sich zugleich anspruchsvolleren Aufgaben zuwenden.

Gilt die Differenzierung für die hochqualifizierten Pflegeberufe?

Ewers: Ja, denn immer mehr vielfach erkrankte Menschen, schwierige Krankheits- und Pflegeverläufe oder die Technisierung verlangen nach speziellen Kompetenzen. Pflegeexperten spezialisieren sich in einem Masterstudium auf Patientengruppen, Krankheitsbilder oder Funktionen. Sie können dann anspruchsvolle Aufgaben wahrnehmen, darunter auch solche, die vorher Ärzten vorbehalten waren. Wichtig ist, immer den richtigen Qualifikationsmix für die jeweiligen Einsatzbereiche zu finden.

Sie haben die Selbstorganisation angesprochen. In Deutschland wird seit Jahren über Pflegekammern diskutiert. Halten Sie das für sinnvoll?

Ewers: Starke Interessenvertretungen und die Selbstorganisation der Pflegenden in Kammern oder ähnlichen Organisationen sind unverzichtbar. In Großbritannien, den Niederlanden und Kanada ist etwa eine Registrierung in einem Berufsregister Voraussetzung für die berufliche Tätigkeit. Das schließt die Pflicht zur regelmäßigen Fortbildung und Wiederregistrierung ein. In Großbritannien und Kanada wird dies durch Pflegekammern überwacht, die Niederlande haben ein staatlich organisiertes Registrierungssystem für mehrere Gesundheitsberufe. Kein Arbeitgeber darf eine Pflegekraft ohne gültige Registrierung beschäftigen, was dem Schutz der Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung dient. Ich halte es für wichtig, dass der Pflege auch in Deutschland das Recht zugesprochen wird, ihre Belange und Interessen in eigener Verantwortung zu organisieren und Verantwortung für sich selbst und ihr professionelles Handeln zu übernehmen.

Sehen Sie da eine Bereitschaft der Politik?

Ewers: Die Politik in Deutschland verhält sich widersprüchlich: Sie will einerseits die Pflege aufwerten und attraktiver machen, folgt dabei aber einem überholten Pflegeverständnis, das auf Hilfs- und Assistenztätigkeiten ausgerichtet ist. Die Bemühungen der Pflege um Höherqualifizierung und Kompetenzerweiterung, insbesondere aber die hochschulische Qualifizierung scheint die Politik eher zu dulden denn aktiv zu befördern. Damit wird Deutschland den Abstand zu den anderen Ländern kaum aufholen und die Krise der Pflege hierzulande auch kaum lösen können.

Michael Ewers ist Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charite-Universitätsmedizin Berlin.