Forschungseisbrecher

"Polarstern" ist von der größten Arktis-Expedition aller Zeiten zurück

Dieter Sell

Von Dieter Sell (epd)

Mo, 12. Oktober 2020 um 13:51 Uhr

Panorama

An Bord herrschen gemischte Gefühle, als Bremerhaven vor der Polarstern auftaucht: Die Rückkehr markiert das Ende einer spektakulären Expedition.

Es ist eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch. Bei strahlendem Sonnenschein schiebt sich die Polarstern am Montagmorgen eskortiert von Schleppern am Bremerhavener Containerterminal vorbei Richtung Kaiserhafen. Dutzende Schiffe begrüßen den Forschungseisbrecher mit lautem Tuten in seinem Heimathafen und sorgen bei vielen Beobachtern auf den Begleitschiffen für Gänsehaut. "Ich habe gerade totales Herzklopfen", gibt Antje Boetius zu, Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Institutes (AWI). Die Szene beschließt den ersten Teil einer spektakulären Expedition, die es so in der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben hat.

Im September des vergangenen Jahres hatte sich die Polarstern, Flaggschiff des AWI und wichtigstes Werkzeug der deutschen Polarforschung, vom norwegischen Tromsø aus auf den Weg ins Nordpolarmeer gemacht. Damit begann unter Federführung des AWI die Mosaic-Expedition, was für "Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate" steht. Der Auftrag: Eingefroren auf einer Eisscholle durch die zentrale Arktis driften, um Daten zur Erforschung des Klimasystems am Nordpol zu sammeln, einer Region, die als wichtige Klimaküche der nördlichen Erdhalbkugel gilt.

389 Tage später ist die Polarstern wohlbehalten zurück, vollgepackt mit Daten, Eisbohrkernen und neuen Erkenntnissen. "Nie zuvor war ein Schiff im Winter so weit im Norden. Nie zuvor konnten Forschende so umfassend dringend benötigte Klimadaten in der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Region sammeln", notiert die Besatzung zum Schluss in ihrem virtuellen Logbuch. Neue Erkenntnisse in den fünf Teilbereichen Atmosphäre, Meereis, Ozean, Ökosystem und Biogeochemie, die erneut zeigen: Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt, das Meereis nimmt in rasantem Tempo ab.

Und auch wenn die internationale Solidarität im Kampf für mehr Klimaschutz zusehends bröckelt - Mosaic ist ein Beispiel, wie es besser gehen kann. Denn an dem Mammutprojekt, an der größten Arktisexpedition aller Zeiten, waren Hunderte Wissenschaftler in wechselnden Crews aus 20 Ländern und mehr als 80 Forschungsinstitute beteiligt. Festgefroren trotzten Crew und Wissenschaftler gemeinschaftlich extremer Kälte mit Temperaturen bis zu minus 42,3 Grad Celsius Daten, arktischen Stürmen und einer sich ständig verändernden Eisscholle.

Es war auch eine Fahrt auf den Spuren des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen (1861-1930), der an Bord des hölzernen Seglers "Fram" eine Pionierleistung vollbrachte. Er ließ sich 1893 von der sibirischen Seite der Arktis im Eis einfrieren und trieb innerhalb von drei Jahren mit der Eisdrift quer über den Nordpolarbereich bis nach Grönland und Spitzbergen. "Selbst mit den Möglichkeiten der modernen Polarforschung blieb Mosaic eine aufregende Expedition, die uns weit über unsere Grenzen des Wissens hinaus gebracht hat", bilanziert nun fast 130 Jahre später AWI-Chefin Boetius.

Die Polarstern driftete zu diesem Zweck 3.400 Kilometer mit einer gewaltigen Eisscholle im Zickzackkurs durch das Nordpolarmeer, legte insgesamt fast 16.000 Kilometer zurück. Sieben Eisbrecher und Forschungsschiffe waren im Einsatz, um Material heranzuschaffen und Personalwechsel möglich zu machen. Auch das Expeditions-Budget von rund 140 Millionen Euro macht deutlich, wie einzigartig das Vorhaben ist, das über zehn Jahre vorbereitet wurde.

Dabei hat es durchaus Wochen gegeben, in denen nicht klar war, ob die Expedition tatsächlich zu Ende geführt werden kann. Denn durch die Corona-Pandemie wurden Personalwechsel und Nachschub zum Problem, Ein- und Ausreisegenehmigungen mussten besorgt, Quarantänevorschriften eingehalten werden. Deshalb habe die Crew länger als geplant an Bord bleiben müssen, erinnert sich Boetius: "Dort herrschte in dieser Zeit bei vielen Krisenstimmung."

Am Ende hat alles geklappt. Das Projekt habe die Klimaforschung um Meilensteine vorangebracht, sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek am Montag bei der Begrüßung auf einem Begleitschiff. Doch eigentlich geht Mosaic jetzt erst richtig los. Es wird Jahre dauern, bis die gesammelten Daten analysiert, aufgearbeitet, publiziert und diskutiert sind, anders noch als an Bord begleitet von Corona und Social Distancing. Aber, davon sind die Forscher überzeugt: "Wir werden diese Herausforderung genauso meistern wie all die anderen, denen wir begegnet sind."