Produktive Radikalität

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 20. Mai 2019

Klassik

Albert-Konzert: Mona Asuka und das Aris-Qurtett.

Die spärliche Bläserbesetzung ist nur ad libitum notiert in Mozarts Werkkatalog – wie’s beliebt. Das schließt also nicht aus, dass man das Klavierkonzert Es-Dur KV 449 ganz intim besetzt aufführt – sozusagen als Klavierquintett. Das Aris Quartett und die Pianistin Mona Asuka machen es so beim Freiburger Albert-Konzert im sehr gut besuchten Konzertsaal der Musikhochschule. Es bleibt beim Versuch. Gerade im ersten Satz sind die Einzelstimmen nicht genug verzahnt – das klingt weder kammermusikalisch noch orchestral. Mona Asukas Klavieranschlag ist zu hölzern, in den Verzierungen unorganisch, mit vielen kleinen Ungenauigkeiten. Erst das Finale wirkt homogener, wie genuin für diese Besetzung geschrieben, trotzdem: Überzeugend klingt anders.

Das ist bei Dmitri Schostakowitschs Klavierquintett g-Moll op. 57 nicht so. Hier entfaltet das exzellente Spiel gerade der Streicher den uneinheitlichen, manchmal eklektizistischen Grundton der Musik perfekt. Das Prélude – es klingt ein wenig nach Reger, ein wenig nach Fritz Kreisler. Überhaupt, der saloneske Tonfall dieser Musik findet in einer herrlich geschmeidigen, liebreizenden Wiedergabe sein Echo. Das Finale, es könnte auch von Hugo Wolf stammen – glänzend ist hier die absolute rhythmische Uniformiertheit des Spiels. Und in der Fuge und im Scherzo unterstreichen Anna Katharina Wildermuth (Violinen), Noémi Zipperling (Viola) und Caspar Vinzens mit ihrem hinreißend durchsichtigen, virtuosen Spiel, auf welche Weise sie sich in den vergangenen Jahren an die Spitzengruppe der internationalen Streichquartettszene herangespielt haben.

Beethovens e-Moll-Quartett op. 59/2 zuvor markiert sicher den Höhepunkt des inspirierenden Abends. Wie aus einem Atem entwickeln die Vier das Unisono im ersten Satz, weben im gewaltigen Molto adagio mit größter Empfindung an einer unendlichen Melodie, geben dem grimmig-melancholischen Allegretto-Motiv der ersten Violine die Attitüde eines Solokonzerts, um sich selbstlos, ganz auf Risiko ins abschließende Presto-Finale zu stürzen. Und auch wenn sich die Intonations-Präzision gerade bei der ersten Violine noch leicht verbesserungsfähig zeigt: Dieses Ensemble gehört in seiner produktiven Radikalität zu den Pretiosen einer jungen Streichquartettszene, die alle Zweifel an der Zukunft der Kammermusik auslöscht. Hoffentlich.