Energiequellen

Raffinerie statt Windpark: Mexikos fragwürdige Klimapolitik

Wolf-Dieter Vogel

Von Wolf-Dieter Vogel (epd)

Fr, 29. Oktober 2021 um 10:03 Uhr

Ausland

Mexikos aktuelle Regierung setzt zur Energiegewinnung vor allem auf Erdöl und Kohle. So macht sie einstige Fortschritte und ehrgeizige Ziele des Landes gegen die Erderwärmung zunichte.

Der Ayoloco ist tot. Geologen der Nationaluniversität von Mexiko erklärten den Gletscher auf dem Vulkan Iztaccíhuatl im Frühjahr unwiederbringlich für verloren. Die Eismassen waren schon länger verschwunden von dem Berg, der wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt thront und wegen seiner Silhouette "schlafende Frau" genannt wird. Doch nun ist es amtlich.

Das Wasser werde deshalb in der Region knapper, erklärte der Wissenschaftler Hugo Delgado Granados. Schon jetzt gibt es in Mexiko-Stadt Engpässe. Und auch mit Dürrekatastrophen im Norden und Überschwemmungen im Süden bekommt Mexiko die Klimakrise immer deutlicher zu spüren. Das werde bald zu großen Ernteeinbußen führen und die Ernährung der Bevölkerung gefährden, warnt die Weltorganisation für Meteorologie.

Dennoch spielt der Klimawandel in der Agenda des linken Präsidenten Andrés Manuel López Obrador eine geringe Rolle. Dabei galt Mexiko einmal als Vorzeigeland. Als López Obradors wirtschaftsliberaler Vorgänger Enrique Peña Nieto das Pariser Klimaabkommen von 2015 zur Eindämmung der Erderwärmung unterzeichnete, steckte er hohe Ziele: Bis 2030 sollte der Ausstoß von Treibhausgas um 22 Prozent verringert werden und die Industrie 43 Prozent ihres Stroms aus sauberen Energiequellen beziehen, um ausländische Investoren anzuziehen.

Ob das klappt, ist fraglich. López Obrador setzt nicht auf alternative Stromproduktion, sondern auf fossile Brennstoffe. Wenngleich in manchen Regionen praktisch täglich die Sonne scheint und in anderen häufig starker Wind bläst, hält er an der Energiegewinnung durch Kohle fest. Vor allem aber will der Staatschef die marode Infrastruktur des staatlichen Erdölkonzerns Pemex auf Vordermann bringen. Im Golf von Mexiko lässt er eine neue Raffinerie bauen, obwohl die Ölförderung des Landes zu den umweltschädlichsten weltweit zählt. Private Anbieter fanden nach seiner Amtsübernahme 2018 kaum mehr Beachtung. Das trifft auch internationale Firmen, die Windparks und Solaranlagen betreiben.

"Wir werden die nationale Erdölindustrie retten", kündigte López Obrador schon im Wahlkampf an. Seit das schwarze Gold 1938 verstaatlicht wurde, galt es als wirtschaftlicher Motor und prägte die nationale Identität. Folglich stieß eine Energiereform von Ex-Präsident Peña Nieto, die multinationalen Konzernen mehr Zugriff auf den mexikanischen Markt bot, auf heftige Kritik. Doch auf dieser Reform, die López Obrador mit eigenen Gesetzen zurückdrehen will, basiert der intensivere Einsatz erneuerbarer Energien. Während nun internationale Kooperationen etwa mit der staatlichen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in diesem Bereich stagnieren, beschwört der amtierende Präsident die Fortschritte im Ausbau der Erdölindustrie.

Sollte die Regierung an dieser Linie festhalten, werde das Land die Ziele des Pariser Abkommens nicht erreichen, mahnt das Mexikanische Zentrum für Umweltrecht (Cemda). López Obrador weist diese Einschätzung jedoch zurück. Bei einem Treffen von Staatschefs zur Klimakrise im April erklärt er sein Konzept, um die Erderwärmung zu bremsen: das Programm "Sembrando Vida" - Leben säen. Das 2019 gestartete Projekt sei die wahrscheinlich größte Wiederaufforstungsmaßnahme weltweit, sagte der Präsident. Es soll wirtschaftliche Entwicklung und Umweltpolitik miteinander verbinden. "450.000 Bauern und Bäuerinnen pflanzen für 5.000 Pesos (230 Euro) monatlich auf ihrem Boden Fruchtbäume und Bäume zu Gewinnung von Nutzholz", erklärte er. Eine Million Hektar Land sollen so wieder aufgeforstet werden.

Ob das nachhaltig ist, darf bezweifelt werden. Da das Programm nicht in erster Linie dem Klimaschutz dienen, sondern die lokale Wirtschaft wiederbeleben soll, fällen Kleinbauern häufig Bäume, um Obst, Gemüse und andere Nutzpflanzen anzubauen, die ebenfalls unter das Programm fallen. Dort, wo die Menschen mit "Sembrando Vida" unterstützt würden, sei noch mehr Wald verloren gegangen als in anderen Regionen, bestätigt Eugenio Fernández vom Umweltinstitut Cegam. Dabei zählt Mexiko ohnehin zu den Ländern mit den größten Baumverlusten: Allein 2019 wurden demnach 306.000 Hektar Wald abgeholzt.