VERKEHRSRECHT: Unfall ohne Kollision

Sebastian Hermesdorf

Von Sebastian Hermesdorf

Sa, 06. Juli 2019

Auto & Mobilität

Ausweichmanöver und Haftungsquote.

Thema war bereits früher, welche Kriterien herangezogen werden müssen, um bei einem Verkehrsunfall die sogenannten Haftungsquote zu bilden, nämlich wer zu welchem prozentualen Anteil den Schaden des anderen Verkehrsteilnehmers zu tragen hat.

Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt musste nun der Frage nachgehen, ob eine Mitverantwortung eines Verkehrsteilnehmers auch dann möglich ist, wenn es gerade nicht zu einer Berührung zweier Fahrzeuge – im vorliegenden Fall zwischen einem Fahrzeug und einem Fahrrad – gekommen ist.

Ein Radfahrer befuhr einen etwa 2,50 Meter breiten befestigten Weg. Es näherte sich ein Verkehrsteilnehmer mit seinem Fahrzeug, das etwa 1,75 m breit war. Der Radfahrer wich auf den unbefestigten Seitenstreifen aus, und beide Verkehrsteilnehmer fuhren ohne Berührung aneinander vorbei. Beim Wiederauffahren auf den befestigten Weg stürzte dann der Radfahrer und zog sich hierbei Verletzungen zu.

Nach Ansicht des OLG Frankfurt muss der Autofahrer – beziehungsweise sein Versicherer – die Hälfte des Schadens des Radfahrers zahlen. So genügt es für eine Haftung des Autofahrers, wenn sein Fahrverhalten in irgendeiner Weise das Fahrmanöver des Radfahrers beeinflusst hat. Bereits durch den Bundesgerichtshof entschieden ist vor diesem Hintergrund ein Fall, in dem ein Radfahrer beim Ausweichen von einem sich nähernden Fahrzeug stürzte – unabhängig davon, ob es eine Berührung beider Fahrzeuge gegeben hat oder nicht.

Der Radfahrer ist im vom OLG Frankfurt zu entscheidenden Fall jedoch nicht bei dem Ausweichen auf den unbefestigten Seitenstreifen, sondern nach dem Passieren des Fahrzeugs zu Fall gekommen. Die eigentliche Gefahr einer Kollision beider Verkehrsteilnehmer war zwar bereits vorbei, doch stand fest, dass der Sturz unmittelbar nach dem Passieren des Fahrzeugs erfolgte. Der Unfall ereignete sich somit noch im nahen zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit dem Entgegenkommen des Fahrzeugs. Auch das Wiederauffahren des Radfahrers auf den befestigten Weg stellte sich nach Ansicht des OLG als Teil des Ausweichmanövers dar, das zu Ende hätte geführt werden sollen.

Umgekehrt hat der Radfahrer nach Auffassung des Gerichts beim Wiederauffahren auf den Weg nicht die gebotene Sorgfalt walten lassen, so dass dessen Ansprüche um die Hälfte zu kürzen waren.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verkehrsrecht in der Kanzlei Schirk und Kollegen,

Herbolzheim
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