"Zu einer Vollbremsung gezwungen"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Di, 30. Juni 2020

Beruf & Karriere

Interview mit Johannes Ullrich über Lage und Herausforderungen des Handwerks im Kammerbezirk Freiburg.

"Wir lassen uns von Corona nicht ins Handwerk pfuschen" – so lautet die neue Kampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Wie die aktuelle Lage ist und was die Handwerker der Krise entgegensetzen können, das hat Anita Fertl den Präsidenten der Handwerkskammer Freiburg, Johannes Ullrich, gefragt.

BZ: Herr Ullrich, was können Sie tun, damit Ihnen Corona nicht ins Handwerk pfuscht?
Ullrich: Anfangs war eine Riesenverunsicherung bei Betriebsinhabern, Mitarbeitern und Kunden zu spüren. Es galt, dafür zu sorgen, dass die Schutzmaßnahmen durchgeführt werden. Wir haben im Gespräch herausgestellt, dass wir alles tun, um Gesundheitsgefährdungen zu vermeiden und trotzdem unsere Arbeit weiterzuführen, denn die Kunden warten auf uns. Das gleiche Gespräch haben wir mit Kunden geführt und bei Bedenken Ersatztermine angeboten.

BZ: Noch im 4. Quartal 2019 bewerteten die Handwerker in der Region die Lage positiv. Und aktuell?
Ullrich: Die Corona-Krise hat die Wirtschaft und damit auch das Handwerk in Südbaden zu einer Vollbremsung gezwungen. Laut ZDH-Umfrage haben Mitte Mai fast 65 Prozent der Betriebe einen Umsatzrückgang gemeldet; 45 Prozent sind von Auftragsstornierungen betroffen. Auch im Kammerbezirk Freiburg sind die Auswirkungen enorm. Gut ein Drittel unserer Betriebe, knapp 5600 Unternehmen, hat Soforthilfe beantragt.
BZ: Wie kommen die einzelnen Kreise mit der Pandemie zurecht?
Ullrich: Innerhalb unseres Kammerbezirks stellen wir ein starkes Nord-Süd-Gefälle bei den Anträgen fest. Der Süden ist deutlich stärker betroffen. Das liegt und lag neben den in Nähe zur Schweizer Grenze höheren Mieten und Standortkosten an der doppelten Grenzschließung im Dreiländereck. Diese hat in den Grenzregionen die wirtschaftlichen Schäden noch verstärkt.

BZ: Wie groß ist die Chance, zeitnah den passenden Betrieb für ein Bauvorhaben zu finden?
Ullrich: Das hängt natürlich von den individuellen Voraussetzungen und Umständen beim Auftraggeber und auch bei den angefragten Betrieben ab. Die Bau- und Ausbaugewerke waren während des Shutdowns weniger stark betroffen. Die Unternehmen konnten – eingeschränkt – weiterarbeiten, und die Auftragsbücher waren vor der Krise auch übervoll. Dennoch werden Auswirkungen auch in den Bau- und Ausbaugewerken noch länger zu spüren sein.

BZ: Bringen aktuell neue Aufträge Entspannung?
Ullrich: Die wirtschaftliche Lage bleibt für viele unserer Betriebe weiterhin angespannt, nicht zuletzt wegen Nachfragezurückhaltung und ausbleibender Aufträge – sowohl aus dem privaten als auch aus dem öffentlichen Bereich. Daher haben wir uns als Kammer für Investitionsanreize in beiden Bereichen stark gemacht.

BZ: Welche Gewerke traf es wirtschaftlich besonders hart?
Ullrich: Besonders hohe Anteile an Corona-Soforthilfe-Antragstellern weisen die Gesundheitshandwerke auf – besonders das Friseur-Handwerk. Auch bei Augenoptikern, Orthopädieschuhmachern, Zahntechnikern oder Kosmetikern haben viele Betriebe einen Antrag gestellt.

BZ: Wie wirkt sich die Krise auf neu zum September eingetragene Ausbildungsverhältnisse aus?
Ullrich: Für konkrete Zahlen ist es zu früh, aber negative Auswirkungen werden wohl zu spüren sein. Laut ZDH-Umfrage vom April überlegt ein Viertel der Ausbildungsbetriebe im Handwerk, aufgrund der Corona-Nachwirkungen in diesem Herbst weniger Ausbildungsstellen anzubieten. Das sind alarmierende Zahlen. Diesen Trend müssen wir stoppen. Andererseits beabsichtigen aber auch rund 42 Prozent der befragten Betriebe, ihr Ausbildungsengagement auf gleichem oder höherem Niveau fortzusetzen. Wir müssen für alle unsere Betriebe die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Ausbildung schaffen.

BZ: Welche Fragen treiben Sie jenseits des Virus um?
Ullrich: Die großen Themen bleiben die Ausbildung junger Menschen im Handwerk und die Nachfolgeproblematik. Auch weiterhin ist die Suche nach Nachwuchskräften für unsere Betriebe schwierig. Die Corona-Krise verstärkt die Schwierigkeiten noch. Die Kammer unterstützt Betriebe dabei mit vielfältigen Beratungs- und Unterstützungsangeboten – auch digital, wie etwa mit der App "Lehrstellenradar".

BZ: Wo wird das Handwerk im nächsten Sommer stehen?
Ullrich: Es ist noch ein weiter Weg bis zur Normalität. Aber das Handwerk war in Krisenzeiten schon immer robuster Konjunkturanker und verlässlicher Arbeitgeber – das wird auch diesmal wieder so sein.

Johannes Ullrich (58) ist
Malermeister und leitet seit 1999 den Familienbetrieb. Seit 2000 gehört er zum Vorstand des Landesinnungsverbands Südbaden und ist seit 2014 Präsident der Handwerkskammer Freiburg.