Mysteriöse Penisknochen

Tomma Schröder

Von Tomma Schröder

Sa, 21. November 2020

Bildung & Wissen

Das Baculum ist ein kaum erforschter und vielfältiger Knochen im Penis vieler Tiere / Wozu ist er gut? /.

Charlotte Brassey lächelt in die Webcam, tauscht eine kurze Begrüßung aus und ist gleich darauf schon wieder von der Bildfläche verschwunden. Ein Klappern und Wühlen ist zu hören, sowie die Stimme der britischen Zoologin an der Manchester Metropolitan University: Sie habe hier einige Penisknochen-Exemplare, die sie zeigen könne. Gleich darauf ist sie zurück auf dem Bildschirm und wedelt mit einem Ding in der Hand, das aussieht wie... – tja, wie eigentlich? Wie ein unförmiges Klangholz? Wie eine riesige, versteinerte Nacktschnecke? "Das ist der Penisknochen einer Seerobbe", sagt Brassey.

Gleich drauf taucht sie wieder ab und kramt weiter in ihrer Kiste. "Der ist ganz schön groß, oder?", fragt sie, nachdem sie mit einem ellenlangen Knüppel in der Hand wieder vor dem Bildschirm sitzt. Es ist der Penisknochen eines Seeelefanten. "Vom Walross habe ich leider gerade kein Exemplar da. Der würde aber auch gar nicht hier ins Bild passen. Der ist so groß, dass er auch gerne als Spazierstock verwendet wird."

Stattdessen folgen viele weitere Baculum-Exemplare: Einige sind winzig wie ein Reiskorn, andere haben so viele Kanten, Hubbel und Dellen, dass es aussieht, als hätte sich jemand im Bleigießen versucht. "Oh ja, und hier haben wir ein Wiesel", sagt Brassey, kurz bevor sich ihr Kopf wieder in die Kamera schiebt. In der Hand hält sie ein kleines Ding mit Widerhaken am Ende. "Die Familie der Marder hat sehr seltsame Bacula", sagt Brassey – und man kann ihr nur zustimmen.

Wofür, fragt man sich spätestens jetzt, brauchen Wiesel knochige Widerhaken in ihrem Penis? "Es gibt verschiedene Hypothesen darüber, wozu diese Knochen da sind", sagt Brassey. Um diese Hypothesen zu überprüfen, hat sie die Penisknochen von mehr als 80 verschiedenen Raubtieren gesammelt, als 3D-Ausdrucke kopiert und in einer umfassenden Studie verglichen, die in den Proceedings of the Royal Society erschienen ist.

Dabei stellte sie bald fest, dass es – neben der Größe – fast immer die Spitze des Knochens ist, die sich von Familie zu Familie unterscheidet. Brassey vermutet, dass diese Unterschiede mit dem Sozial- und Paarungsverhalten der Raubtiere zusammenhängen.

"Es gibt Raubtiere, bei denen die Weibchen automatisch einen Eisprung haben, wie bei uns Menschen" erklärt Brassey. "Andere Raubtierweibchen aber müssen durch den Geschlechtsakt zum Eisprung angeregt werden." So wie das Wiesel. Tatsächlich stellte Brassey bei ihrer Analyse fest, dass diese Arten tendenziell die "komplexeren" Penisknochen hatten. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Form des Baculums – und damit auch die scheinbar sinnlosen Dellen, Hubbel oder Haken – über den Fortpflanzungserfolg der Männchen mitentscheiden.

Damit ist Brassey aber lange noch nicht am Ende. Sie hält einen Knochen aus der Familie der Hundeartigen in die Kamera. Von oben eher schlicht und langweilig, hat dieses Baculum an der Unterseite eine kleine Rille, in der gewöhnlich die Harnröhre verläuft. Diese Art von Knochen findet sich vor allem bei Tieren, die sich sehr lange paaren und dabei ihre Stellungen auch verändern. Frettchen und Hermeline etwa können bis zu zwei Stunden lang ununterbrochen kopulieren.

Und auch bei Haushunden lässt sich ein sehr spezielles Paarungsverhalten beobachten. "Das sieht oft aus, als wären die aneinandergebunden", erklärt Brassey. "Und dabei drehen die Rüden sich manchmal auch vom Rücken der Hündin um 180 Grad herum in die entgegengesetzte Richtung." Es könnte schon sein, dass diese Sexpraktiken für die Genitalien der Tiere eine Belastung sind. Der Knochen könnte dabei stabilisierend wirken und die Rille die Harnröhre schützen, so die Hypothese.

Dass das Baculum sowohl schützen als auch stimulieren kann, sind bekannte Vermutungen, die Brassey mit ihrer umfassenden Analyse nun stützen konnte. Beim Vergleich der vielen Formen ist ihr aber auch noch eine weitere Variante aufgefallen, für die sie eine andere Funktion annimmt: "Der Honigdachs ist da der Klassiker. Da sieht die Spitze des Knochens aus wie ein Eisportionierer." Dieser Knochen könnte Brassey zufolge dazu dienen, das Sperma des Vorgängers und Rivalen aus dem Weg zu räumen. Denn ihr fiel auf, dass sich diese Form vor allem bei jenen Tieren findet, bei denen sich das Weibchen mit mehreren Männchen paart. Das ist allerdings bisher nicht mehr als eine Hypothese.

Vollkommen ungewöhnlich wäre diese Strategie allerdings nicht. Man kennt sie bereits aus dem Tierreich: So gibt es Vögel, die so lange am Hinterteil des Weibchens picken, bis dieses das Samenpaket des Vorgängers wieder ausscheidet. Und es gibt auch Fische, die mit der Schwanzflosse das Sperma des Rivalen wegwedeln. Und dann gibt es sogar eine Studie, die behauptet, dass auch die Form des – knochenlosen – menschlichen Penis darauf abgestimmt ist, andere Spermien zu beseitigen. Der Eichelkranz wirke durch seine Form wie ein Saugkolben, der das Sperma anderer Männer wieder herausbefördert, schrieb ein Team um den amerikanischen Forscher Gordon Gallup im Jahr 2004. Insofern wäre es nicht verwunderlich, wenn auch der Eisportionierer des Honigdachses dafür gemacht ist, die Suppe des Vorgängers auszulöffeln und dann den eigenen Saft ans Ziel zu bringen.

"Beim männlichen Konkurrenzkampf denken wir gewöhnlich an krachende Geweihe", fasst Brassey zusammen. "Aber wenn sich Weibchen mit mehreren Männchen paaren, dann gibt es eben ein Extralevel dieses Wettkampfs. Und der findet oft im Fortpflanzungstrakt der Weibchen statt." Ob auch der Penisknochen eine Waffe in diesem Wettkampf der Spermien sein kann, muss noch geklärt werden.

Am besten geht das, so Brassey, wenn man sich die Knochen in Aktion anschaue. Genau das macht die britische Zoologin nun: Sie hält einige Frettchen, die sie während der Paarungszeit mit einem Röntgenfilm aufnimmt. "Praktischerweise lassen sich diese Tiere von dem eher sterilen Ambiente während des Filmens gar nicht stören. Die fallen sofort übereinander her", sagt Brassey. Viel mehr darf sie darüber noch nicht erzählen, denn die Forschungsergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. "Ich kann nur verraten, dass der Knochen sehr stark in Bewegung ist", sagt Brassey. Und man sieht ihr an, dass es ihr nicht ganz leicht fällt, zu allem weiteren zu schweigen.