Corona-Geschichten

Beim Tod meiner einsamen Omi fühlte ich mich schuldig

Simona Caruso aus Freiburg

Von Simona Caruso aus Freiburg

Sa, 23. Mai 2020 um 11:42 Uhr

Liebe & Familie

Durch den Tod meiner Großmutter wurden die Corona-Einschränkungen für mich zu Pillepalle. Ich will mich nicht mehr beschweren – denn meine Großmutter hat mich gelehrt, dankbar zu sein.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Simona Caruso, 28 Jahre, aus Freiburg.

Mitte März bekam ich bei der Arbeit einen Anruf. Meine Omi. Sie sagte, dass wir sie vorerst nicht mehr besuchen dürfen. Sie lebte im Seniorenheim, wir wussten, dass das kommen wird. Zum Glück war ich gestern noch mal bei ihr, dachte ich mir. Ich hatte viel zu tun und fasste mich deshalb kurz: "Ok Omi, mach dir keine Sorgen. Ich richte es Mama aus. Vergiss nicht, dass wir trotzdem immer an dich denken und dich lieb haben. Bis bald! Halte solange durch!". Wir verabschiedeten uns mit einem Luftkuss. Rückblickend waren das meine letzten Worte an sie.

Wochen vergingen, bis eines Tages der Anruf kam, dass es ihr sehr schlecht ginge. Sie kam in die Notfallaufnahme. Besuche waren auch dort nicht erlaubt, Corona halt. Sie erholte sich und kehrte zurück ins Heim. Zwei Tage später das gleiche Spiel. Zuerst der Anruf, dann die Notfallaufnahme. Ein Déjàvu. Diesmal konnten wir allerdings hin… um Abschied zu nehmen. Wir sind hin, sie war zwar da, aber reagierte auf nichts. Wie in den Filmen tat sie ihren letzten Atemzug, gefolgt von einem durchgehenden Piepen. Omi war weg.

Tage später sah ich sie am offenen Sarg und wiederholte ihr durchgehend, dass es mir leid täte. Ihre letzten Wochen waren geprägt von Einsamkeit, Depression und Leiden. Ich fühlte mich schuldig und suchte nach Vergebung. Ich sah sie an, sie sah friedlich aus. Das tat gut.

Seit Beginn der Corona-Zeit beschweren sich viele über die Ungerechtigkeit der getroffenen Corona-Vorgaben. Von den Überstunden, die unfreiwillig abzuleisten waren bis hin zur Maskenpflicht in einem doch so freien Land. All das war in meinen Augen nun Pillepalle. Ich habe sofort aufgehört, mich über irgendwas zu beschweren. Ich dachte mir, dass nur meine Oma da oben das Recht hat, sich zu beschweren. Sie gehört nun zu den sog. "Indirekten Corona-Opfern", da sie aufgrund der Corona-Situation und nicht an Covid-19 selbst starb. Das heißt, wenn Corona nicht wär…

Nun heißt es für uns, die Trauerphasen durchzumachen. Von dem Leugnen, über den Zorn, das Verhandeln und die Depression bis hin zur Akzeptanz. Das wird nicht leicht, vor allem das mit der Akzeptanz. Aber meine Omi wird mich dabei unterstützen, denn sie hat mir gezeigt, immer für alles dankbar zu sein. Für die Gesundheit, die Arbeit, die Familie, die Freunde, das Einkommen und das Essen, was ich habe. Alles andere sind Luxusprobleme. Schade, dass ich erst solch eine Erfahrung machen musste, um das zu erkennen…
Erzählen auch Sie uns Ihre Corona-Geschichte!
Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichten schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Corona-Geschichte. Schicken Sie den Text (gerne mit Foto) per Mail an lesergeschichten@badische-zeitung.de. Einsendeschluss ist Sonntag, 7. Juni 2020.