Mit dem Domino-Effekt wird Väterzeit normal

Inga Dreyer

Von Inga Dreyer (dpa)

Sa, 26. September 2020

Liebe & Familie

Immer noch gehen zu wenig Väter in die Elternzeit / Angst vor dem Karriereknick / Austausch unter Männern, aber auch mit den Frauen gewünscht.

Viele Väter wünschen sich Zeit für ihre Kinder. In der Realität tun sie sich damit schwer. Nicht einmal die Hälfte geht in Elternzeit, wenige arbeiten in Teilzeit. Wie lässt sich das umkrempeln?

Schnell waren sich Kai Behrens und seine Partnerin einig: Bei ihrem ersten Kind wollen sie die 14 Monate Elternzeit gleichberechtigt aufteilen. "Für mich war der Hauptgrund, dass ich Zeit mit dem Kind verbringen möchte", sagt der 42-Jährige, der in Berlin als Controller bei einer Software-Firma arbeitet.

Nach 20 Jahren im Beruf freue er sich, eine Zeit lang ganz andere, neue Aufgaben zu übernehmen. Außerdem, fügt er hinzu, werde die Auszeit nichts an seiner beruflichen Situation ändern. "Es ist nicht so, dass ich mir damit etwas verbauen würde." Genau davor aber haben viele Männer Angst.

"Eine berechtigte Sorge", sagt Karin Schwendler. Sie ist Leiterin des Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaft Verdi. Elternzeit und Teilzeit seien immer noch Karrierekiller. Zwar gebe es in vielen Jobs Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren. Auch zeigten Umfragen, dass mehr Väter in Teilzeit arbeiten möchten. "Trotzdem sind viele Männer noch zögerlich", so die Gewerkschafterin.

Zwar steigt die Zahl der Männer, die Elternzeit nehmen, trotzdem sind sie noch in der Minderheit. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lag der Anteil 2016 bei 37 Prozent. Von den Männern, die 2018 Elterngeld bezogen, taten dies 72 Prozent nur in Höhe des Minimums von zwei Partnermonaten. Vor allem aus finanziellen Gründen würden sich Väter zurückhalten, zeigt eine DIW-Studie von 2019.

Auch in seinem Freundeskreis nehmen die meisten Männer nur die zwei sogenannten Vätermonate, um die Bezugszeit zu verlängern, erzählt Kai Behrens. Immer noch sei die Idee verbreitet, dass Väter in den ersten Lebensmonaten des Kindes kaum etwas beitragen können. "Aber ich denke, dass Bindung auch zum Vater wichtig ist, gerade in dieser Zeit", so Behrens.

Neben Rollenvorstellungen spielten auch finanzielle Fragen eine Rolle. Immer noch können viele Familien eher auf das Einkommen der Frauen verzichten. "Meistens haben die Väter das höhere Einkommen", bestätigt Wido Geis-Thöne, Experte für Familienpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft. Der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern liegt in Deutschland immer noch bei mehr als 20 Prozent. Dass sich Väter Sorgen um die Karriere machen, sei durchaus berechtigt, so Geis-Thöne. Aufstiegschancen würden sich in der Regel durch die Elternzeit reduzieren.

"Man muss fürchten, dass man nicht für voll genommen wird, wenn man nicht mehr rund um die Uhr arbeiten kann", sagt Brigitte Dinkelaker. Sie leitet das Projekt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten" des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Der Anteil der Väter, die in Teilzeit arbeiten, liege nur bei etwa sechs Prozent. Deshalb lasse sich noch nicht viel darüber sagen, ob Männer dieselben Diskriminierungserfahrungen machen wie Mütter. Generell wachse zwar in Unternehmen das Verständnis dafür, dass Väter für ihre Familien da sein wollen. "In der Praxis ist es aber häufig immer noch ein Frauenthema."

Oft seien es nicht die Vorgesetzten, sondern Kolleginnen und Kollegen, die Probleme mit Teilzeitlösungen oder Elternzeitansprüchen hätten, sagt Geis-Thöne. Denn häufig müssen sie die weggefallene Arbeitsleistung auffangen. In Teams, in denen auch Frauen arbeiten, sei es in der Regel auch für Männer leichter, erklärt er. Dort sei die Erfahrung mit Vereinbarkeitsfragen größer.

"Wenn die Männer erst mal deutlich machen, was sie wollen und Elternzeit und Elterngeld beantragen, dann entsteht schnell ein Domino-Effekt", sagt Dag Schölper. Er ist Geschäftsführer des Bundesforum Männer, das sich als Interessenverband für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik einsetzt. Sobald immer mehr Männer in Teilzeit arbeiten, werde das irgendwann zur neuen Normalität. Noch aber ist es nicht so weit.

Die Idee des Vaters als Ernährer sei noch immer gesellschaftlich stark verankert, so Schölper. "Nach wie vor ist es nicht wirklich üblich, dass man als Mann Familienverantwortung auch durch Anwesenheit, Fürsorgetätigkeiten und Hausarbeit beweist", erklärt er. Auch Brigitte Dinkelaker glaubt, dass Rollenvorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Familienfreundliche Schichtpläne, flexible Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit, geregelte Kinderbetreuung oder auch das Recht auf Rückkehr zur Vollzeitarbeit würden es Männern wie Frauen einfacher machen, Beruf und Familie zu vereinbaren, sagt die Expertin. Notwendig sei, dass Männer miteinander ins Gespräch kommen, Netzwerke und Stammtische gründen. Auch Beratung und Unterstützung für Väter sei wichtig, so Schölper. Angebote finden sich zum Beispiel auf der Plattform männerberatungsnetz.de des Bundesforum Männer.

Behrens weiß, wie nützlich Austausch ist. "Es gibt in meiner Firma einen Kollegen, der die komplette Elternzeit von zwölf Monaten übernommen hat. Das Gespräch mit ihm war für mich sehr wichtig". Die Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen sowie im privaten Umfeld hat Behrens als positiv und ermutigend wahrgenommen. "Alle haben gesagt: Mach das!" Dinkelaker rät außerdem zum Austausch mit Müttern. Solidarität nutze beiden Geschlechtern: "Vereinbarkeit ist kein Mütterthema, genauso, wie es kein Vaterthema ist. Es geht einfach alle an. Mehr denn je."