Reise

Bootstour durchs Bergwerk: Paddeln unter Tage im Harz

Thomas Schöne

Von Thomas Schöne (dpa)

Fr, 31. Januar 2020 um 18:25 Uhr

Reise

Durch knietiefes Wasser waten, durch enge Gänge krabbeln und in Booten durch den Stollen paddeln. Das frühere Bergwerkleben im Röhrigschacht Wettelrode erkunden.

Sanft gleitet der Förderkorb den Schacht hinunter. Wer Kälte erwartet, liegt falsch. Die Grube empfängt die zehn Besucher bei angenehmen 14 Grad. Der Hohlraum ist gut durchlüftet und das Atmen fällt leicht. Lampen an den Felswänden verbreiten schwachen Lichtschein.

"Einen Teil der Strecke werden wir auch im Paddelboot fahren", stimmt Gästeführer Thomas Wäsche die Abenteurer auf die rund fünfstündige Tour ein. "Wir sind jetzt in etwa 283 Metern Tiefe."

Seit rund 20 Jahren bietet das Museum Erlebniszentrum Bergbau Röhrigschacht Wettelrode im Südharz längere Exkursionen unter Tage an. Diese spezielle Tour gibt es erst seit kurzer Zeit.

"Die Bergmänner sind sehr fromm"
Pfarrer Klemens Niemann

Jeder in der Gruppe trägt einen Helm mit Grubenlicht und eine Wathose. Auch Pfarrer Klemens Niemann vom evangelischen Pfarramt Sangerhausen, ganz in der Nähe. "Bei mir in der Gemeinde gibt es viele ehemalige Bergleute. Für mich ist das eine andere Welt. Um sie besser zu verstehen, möchte ich ihren Arbeitsort erleben", sagt er. "Die Bergmänner sind sehr fromm, wenn man unter Tage ist, muss man einfach einen starken Glauben haben."

Für den Pfarrer sind die Eindrücke hier unten überwältigend. Zunächst geht es mit der Grubenbahn voran. Auf der Fahrt ertönt ein Signal: Vorsicht, die Decke hängt tief. Dann geht es zu Fuß weiter. Der Gästeführer leuchtet von der Hauptstrecke in die schmalen Abbaue hinein. Dort lagen einst die Bergleute stundenlang auf einer Seite und schlugen das Kupfererz aus der Wand. Eine Puppe demonstriert den Arbeitsplatz eines Bergmanns vor über 130 Jahren. Die Erzbrocken kamen auf einen flachen Wagen, "Hunt" genannt. 14-jährige Lehrlinge, sogenannte Treckejungen, zogen ihn per Strick am Fuß angebunden durch die Strecken. "Die Jungs mussten 10 bis 15 Mal am Tag diese zentnerschweren Hunte zur Verladestation ziehen", sagt Wäsche.

Die Bergleute sind nicht alt geworden

Einer spricht aus, was die anderen vermutlich auch denken: "Die sind nicht alt geworden." Wäsche sagt: "Sicher war das hart, aber die Sterberate war nicht unbedingt höher als bei anderen Berufen des 19. Jahrhunderts." Außerdem sei der Verdienst gut gewesen.

Nur die Grubenleuchten auf den Köpfen der Besucher und Taschenlampen schaffen Licht mitten im Stockdunkeln. Die Gruppe konzentriert sich auf jeden Schritt. Der Untergrund ist schlammig. Die Helme stoßen immer wieder gegen die Decke des Ganges, denn die Höhe ändert sich ständig. Zu hören ist ein Rauschen, das wie Regen klingt. Im schmalen Lichtkegel der Grubenlampen läuft das Wasser von der Decke in Strömen herab. "Die Wasseraustritte bezeichnet der Bergmann als Traufen", erklärt Wäsche. Auch der braunschlammige Boden ist jetzt von Wasserrinnen durchzogen. Es kostet Überwindung, aber alle müssen durch.

"Das ist unser ’Grünes Gewölbe’ und es ist sicherer als das in Dresden" Gästeführer Wäsche

Der Mut wird belohnt. Die kargen Wände sind mit einzigartigen, ineinanderfließenden Farben überzogen. Die Farbpalette reicht von kräftigen Brauntönen über Weiß, Grün, Türkis, Blau und Schwarz. "Das ist unser ’Grünes Gewölbe’ und es ist sicherer als das in Dresden", sagt der Gästeführer in Anspielung auf den Juwelendiebstahl in der sächsischen Landeshauptstadt. Seit der Schacht 1885 aufgegeben wurde, löste das permanent fließende Wasser in kurzer Zeit Mineralien aus dem Kalkgestein, die sich als Kruste über die Wände legten – ein natürliches Farbenspiel mit weichen, fließenden Übergängen.

Der Weg bleibt feucht, weil das Wasser ununterbrochen aus den Traufen läuft. Mittlerweile steht die Gruppe vor dem "Bremsberg", einer abschüssigen Strecke. "Hier rollten die mit Erz beladenen Wagen nach unten zum Hauptstollen, gleichzeitig zog ihr Gewicht auf der Gegenspur leere Wagen nach oben. Das war eine Transporterleichterung ohne Maschinenkraft", erklärt Wäsche. Die Anlage samt Transportwagen ist nicht mehr vorhanden. Heute ist der Hang bequem begehbar.

Es folgt ein besonderer Abschnitt. Auf ein paar Metern liegen noch Stahlgitterroste, doch dann stehen alle im Wasser. Bis zum Grund ist es etwa einen halben Meter tief, zum Glück halten die Wathosen dicht. Vier Boote liegen bereit. Mit Hilfe der Paddel und der leichten Strömung geht es zügig auf dem schmalen Wasserweg voran. Nach etwa 350 Metern geht es wieder raus aus den Booten und hinein ins knietiefe Wasser. Es wird eng. "Wer glaubt, es nicht zu schaffen, kann hier warten, bis wir zurückkommen", sagt Wäsche. Keiner will zurückbleiben. Der Gästeführer nickt und gibt dick gepolsterte Knieschützer aus.

Auf allen Vieren kriechend im Grubengang

Der Weg ist an dieser Stelle nur knapp 60 Zentimeter hoch. Auf allen Vieren kriechend geht es im Grubengang voran. Immer wieder berührt der Rücken die Decke. Wer jetzt mit mulmigen Gefühl an das Unglück im ehemaligen Kalisalzbergwerk Teutschenthal denkt, den kann der Gästeführer beruhigen. "Hier in diesem Teil ist noch nie etwas passiert", sagt Wäsche. In Teutschenthal kam es am 8. November 2019 zu einer Verpuffung in 700 Metern Tiefe, zwei Menschen wurden verletzt.

Endlich, das Ende des Kriechweges ist erreicht. Ein Hohlraum sorgt für Entspannung. "Im Januar 2019 wurde mit der Planung dieser neuen Touristen-Sondertour begonnen. Das Besondere ist, dass hier ein Teil der Strecke mit Booten zurückgelegt wird", sagt der Leiter des Erlebnisbergwerks Wettelrode, Torsten Müller. Er gehört auch zur Gruppe, weil er wissen will, wie die Tour ankommt.

Was heute Erlebnis ist, war früher harte Arbeit. Die ersten Bergleute begannen im Mansfelder Land vor rund 800 Jahren nach Kupfererz zu graben. Das Flöz, die kupferhaltige Gesteinsschicht, zog sich 42 Kilometer durch das Gebiet am Harzrand entlang, fällt flach in die Tiefe ein und entstand vor etwa 257 Millionen Jahren. Am Anfang wurde das Kupfererz von der Erdoberfläche gesammelt und später aus zwei bis drei Meter Tiefe im Tagebau gefördert. Ab dem Jahr 1750 wurde intensiv Bergbau betrieben. Insgesamt wurden aus dem Erz des Gebietes rund 2,6 Millionen Tonnen Kupfer und 14 213 Tonnen Silber gewonnen. "Zum Schluss war das Mansfelder Revier der größte Silberproduzent Europas", sagt Wäsche. Im August 1990 war mit dem Kupfererzabbau Schluss.

Rund 1300 Schächte durchziehen die Landschaft

Vom Jahrhunderte langen Bergbau in der Region sind riesige, kegelförmige Abraumhalden geblieben. Rund 1300 Schächte durchziehen die Landschaft. Der Röhrigschacht bei Wettelrode wurde Schaubergwerk. Dort steht das älteste noch im Betrieb befindliche stählerne Schachtfördergerüst Deutschlands von 1888. Der ehemalige Maschinenraum der Grube hat 120 Sitzplätze und eine kleine Bühne für kulturelle Veranstaltungen, wie Konzerte, Kabarett und Zaubershows.

Zum Abschluss sitzt die Gruppe in rund 300 Metern Tiefe bei einem herzhaften Bergarbeiter-Essen mit Fettbroten, Kaffee und Grubenschnaps zusammen. Das gemeinsam bestandene Abenteuer sorgt unter den zehn Teilnehmern für Gesprächsstoff. "Die Bootsfahrt unter Tage ist eine geniale Idee", sagt Krankenschwester Nicolle Dziewiecki. "Überhaupt, wo hat man schon die Gelegenheit Bergbau so hautnah zu spüren, einfach fantastisch."
Weitere Infos:

Erlebniszentrum Bergbau Röhrigschacht Wettelrode, Lehde 17, 06526 Sangerhausen, Tel. 03464/58 78 16,
E-Mail: info@roehrig-schacht.de, Internet:
http://www.roehrigschacht.de