Viadukt-Wanderweg

Die Golden Gate in Altenbeken

Bernd F. Meier

Von Bernd F. Meier (dpa)

Sa, 23. November 2019

Reise

Ein Stück Eisenbahngeschichte: Der mehr als 150 Jahre alte Viadukt gab einem Wanderweg in Altenbeken im südlichen Teutoburger Wald seinen Namen.

Links herum? Oder doch besser rechts? Auf der Höhe am Sommerberg haben die Wanderer die Wahl. Für Ulrich Böger (71) steht allerdings fest: "Den Viadukt-Wanderweg sollte man rechts herum im Uhrzeigersinn gehen."

Der Altenbekener muss es wissen: Er ist nicht nur der Wegepate des 31 Kilometer langen Rundwegs. Gemeinsam mit Marion Wessels aus dem Rathaus der Gemeinde hat er die Strecke damals auch geplant. "Anlass dafür war im Jahr 2003 das 150-jährige Jubiläum des großen Viaduktes, des wichtigsten Bauwerkes bei uns", erinnert sich der rüstige Wandersmann und macht sich auf den Weg.

Fünf Jahre dauerten die Arbeiten für die Rundroute. Bis zu 20 freiwillige Helfer vom Eggegebirgs-Wanderverein halfen, die Beschäftigten des Bauhofes packten ebenfalls kräftig mit an. "Im Fichtenwald am Sommerberg haben wir den Trail in den Abhang gelegt, dort war vorher gar kein Weg", sagt Böger.

Nicht allen im 9200 Einwohner zählenden Altenbeken waren die Ideen der Wanderfreunde anfangs geheuer: Würden überhaupt Ausflügler und Wanderer nach Altenbeken kommen? In den kleinen Ort im südlichen Teutoburger Wald, der bis dahin allenfalls mal unter Eisenbahnfans und Zugreisenden bekannt war? Und würden die Wandersleute nicht die Wiesen zertrampeln? Das Wild in den Wäldern verjagen?

Doch Marion Wessels und Ulrich Böger leisteten erfolgreich Überzeugungsarbeit: 2008 konnte man den Viadukt-Wanderweg eröffnen, der ein Jahr später als Qualitätsweg Wanderbares Deutschland ausgezeichnet wurde und seither dieses Prädikat trägt. In zwei Etappen ist der 30,8 Kilometer lange Rundkurs bequem zu erwandern, sportliche Tourengeher mit etwas Kondition schaffen die als mittelschwer eingestufte Route auch an nur einem Tag.

Doch niemand sollte sich täuschen: Die mitunter knackigen Anstiege aus den Tälern der Flüsschen Beke, Durbeke und Dune auf die Höhenrücken von Sommerberg und Winterberg summieren sich auf 985 Höhenmeter.

Hoch oben ist die Aussicht dann wunderschön, aber auch die Landschaft des gesamten Viadukt-Wanderwegs ist abwechslungsreich: Buchenwald, dann wieder Fichtenbestände, Äcker und Kuhweiden. Im Frühling riecht der Bärlauch wie frischer Knobloch im idyllischen Durbeketal. Im Herbst tragen die alten Buchenwälder leuchtende Farben. An fünf Quellen führt die gut markierte Strecke vorüber.

Wer den Rundweg an einem Tag durcheilt, der verzichtet auf längere Pausen, etwa an der Aussichtsplattform mit Blick auf den großen Viadukt. Majestätisch überspannt der gekurvte Brückenkoloss aus heimischem Kalksandstein das Tal der Beke: 482 Meter lang, 35 Meter hoch und mit 24 Bögen. Nach nur zweijähriger Bauzeit wurde der Viadukt am 21. Juli 1853 durch den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. eröffnet. Mit dem Brückenschluss konnte damals eine durchgehende West-Ost-Eisenbahnverbindung geschaffen werden. Sogar der erste deutsche D-Zug, der D 31/32 zwischen Köln und Berlin, legte in Altenbeken ab dem 1. Mai 1892 einen Halt ein.

Der Brückenbau war teuer: 573 000 Taler kostete der Bau. Angesichts der gewaltigen Summe soll der König geäußert haben: "Ich habe geglaubt, eine goldene Brücke vorzufinden, weil so schrecklich viele Taler verbraucht worden sind." Das ist zumindest die Überlieferung.

150 Jahre später hätte sich der König freuen können. Zum Jubiläum der Talbrücke im Jahr 2003 wurden drei der 24 Bögen probehalber beleuchtet. Marion Wessels erzählt: "Das goldene Licht war so beeindruckend, dass durch einen Spendenaufruf 70 000 Euro zusammenkamen und heute inzwischen 20 der 24 Bögen nachts beleuchtet werden können." Seither strahlt der Viadukt als Golden Gate von Altenbeken und erinnert auch an die goldenen Jahre des Eisenbahn-Knotenpunktes Altenbeken. Zu besten Zeiten boten Bahn und Post mehr als 1000 Arbeitsplätze. In beinahe jeder Familie gab es irgendwen, der Bahner oder Postler war, oft im gut bezahlten Schichtdienst. Was Kohle und Stahl für das Ruhrgebiet, waren Bahn und Post für das Örtchen bei Paderborn.

Altenbeken war nicht nur Standort schwerer Dampfloks, sondern auch Umsteigebahnhof und bedeutender Umschlagplatz für Päckchen, Pakete und Briefe. Um Mitternacht wurden Postzüge und Bahnpostwagen bestückt. Millionen Sendungen im Akkord. Was heute in den Logistikzentren etwa von DHL, Schenker, Hermes und Co. geschieht, passierte damals an den zehn Schienensträngen oberhalb des Ortes.

"Das lief so bis in die 1990er-Jahre, dann kam der Niedergang", sagt Ingo Klüter. Wanderer können den 51-Jährigen zusammen mit seiner Schwester Anke Lober (54) im Bahnhofskiosk antreffen. Wenn gerade niemand nach belegten Brötchen, Cola oder Fahrkarten verlangt, erzählt Ingo gerne von seinen goldenen Zeiten als Bahnhofswirt.

Die Post wird nun per Lkw transportiert, die Fahrpläne sind eng getaktet. Früher mussten Reisende eine Stunde und länger in Altenbeken beim Umsteigen auf ihren Anschlusszug warten – Zeit für Kaffee, ein Bier oder ein Essen in der Bahnhofswirtschaft. Klüter: "Wir hatten acht Gedecke auf der Karte: Suppe, Hauptspeise, Nachtisch." Klüter sagt Gedeck – das ist ein Wort wie aus einer anderen Zeit.

Und die die ist lange her. Heute müssen die Fahrgäste eilen, meistens haben sie nur ein paar Minuten zwischen den einzelnen Zügen, beispielsweise wenn sie kurz vor elf Uhr morgens in den ICE 41 von Düsseldorf nach München umsteigen wollen. Bahnhofswirt Klüter musste irgendwann auch dem Zug der Zeit folgen und machte am 4. Juni 2013 die Gaststätte zwischen den Gleisen für immer dicht – eine der letzten ihrer Art in ganz Deutschland.

Derweil ist Ulrich Böger schon wieder auf dem Viadukt-Wanderweg unterwegs. Der Wegepate kontrolliert die Route: "Schließlich wollen wir, dass die Strecke weiter Qualitätsweg bleibt und viele Wanderer zu uns kommen." Nach Altenbeken, wo täglich mehr als 160 Züge halten.