Vesterålen ist eine Inselgruppe nördlich des Polarkreises

Wandern mit Walgarantie

dpa

Von dpa

Sa, 12. Oktober 2019

Reise

Fast wie grüne Alpen im Nordmeer: Die Vesterålen in Norwegen sind weniger bekannt als die benachbarten Lofoten, aber mindestens genauso sehenswert /.

Steil windet sich der schmale Wanderpfad bergan. Dass die norwegische Königin Sonja auf der Rundstrecke bereits mehrere Male unterwegs war, macht es nicht leichter. Die ersten Meter verlangen gute Kondition. Doch oben auf dem Bergrücken entschädigt die Aussicht auf das Nordpolarmeer die Mühen.

Die Gruppe wandert auf der 15 Kilometer langen Dronningruta, eine der insgesamt 156 Wanderstrecken der Vesterålen-Inseln. Bis zu acht Stunden wird sie auf der Tour am Nordrand der Insel Langøya unterwegs sein und kommt dabei auch über den 448 Meter hohen Finngamheia. Es ist der höchste Punkt der landschaftlich abwechslungsreichen Route mit ihren gezackten Felsen, tiefgründigen Bergseen, plätschernden Bächen und dann wieder sumpfigen Küstenzonen.

Dass die Vesterålen oft im Schatten der Lofoten stehen, ist wenig verständlich. Denn die Inseln sind – ebenso wie die prominenten Nachbarn – ein Naturparadies. Für jeden Anspruch. Eltern mit Kindern werden auf Spazierwegen glücklich, anspruchsvolle Hochgebirgspfade führen auf den höchsten Gipfel der Vesterålen, den 1262 Meter hohen Møysalen.

"Oben haben Wanderer bei klarem Wetter fantastische Fernblicke bis nach Bodø, Tromsø und sogar zum Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens", sagt Kjetil Paulsen, 48, Tourismusmanager in der Gemeinde Sortland. "Die Lofotenberge sind schroff, es gibt dort wenige Wanderrouten. Wir haben die grünen Alpen im Nordmeer." Nur auf einer Seite sind die Berge felsig, auf der anderen fallen sie sanft ab.

Vesterålen ist weitläufig und zeigt alle Landschaftsbilder Nord-Norwegens: Gestein, Birkenwaldungen, grasgrünes Weideland, Schaf- und Kuhwiesen, Moore und Binnenseen. Obwohl mittlerweile schon einige Wanderer die Region mit den Hauptinseln Andøya, Langøya und Hadseløya entdeckt haben, müssen Urlauber zu keiner Jahreszeit mit Massen rechnen.

In der Hochsaison im Sommer öffnen Museen wie die historische Handels- und Poststation in Jennestad bei Sortland ihre Türen, allerdings nur für ein paar Wochen. Nur das Hurtigruten-Museum in Stokmarknes hat das ganze Jahr über geöffnet. Der Küstenort auf Hadseløya gilt als Gründungsstätte der legendären Postschifflinie, die am 2. Juli 1893 mit dem Dampfschiff "Vesteraalen" den regelmäßigen Betrieb entlang der Küste zwischen Trondheim und Hammerfest aufnahm. Das Museum im Hurtigrutenhaus entführt in die Vergangenheit der "schnellen Linie" (Hurtigruten). Der Komfort an Bord war früher bescheiden und nicht vergleichbar mit dem der modernen Schiffen dieser Tage.

Seit 1936 verkehren die Hurtigruten-Schiffe täglich nach festem Fahrplan zwischen Bergen und Kirkenes. Dabei werden 34 Häfen angelaufen, in Vesterålen sind es Stokmarknes, Sortland und Risøyhamn. Auch im Winter versorgen die Schiffe die abgelegenen Küstenorte, denn die Gebirgsstraßen führen durch Schnee und Eis und sind für den Autoverkehr oft unpassierbar.

Zum Gebiet der Vesterålen – und nicht zu den Lofoten, wie manchmal angenommen wird – zählt auch der Trollfjord mit seinen steilen Felswänden. Nur 100 Meter breit ist der Meeresarm an seiner engsten Stelle. Auf dem Südkurs biegen die Hurtigruten-Schiffe abhängig vom Wetter aus dem Raftsund in den Fjord der Trolle ein und vollziehen an dessen breiterem Ende ein spektakuläres Wendemanöver.

In Vesterålen führt der Weg zu den Walen am Nordpolarmeer entlang, auf der nationalen Touristenstraße Andøya. Unterwegs überraschen Rastplätze mit moderner nordischer Architektur. Bukkekjerka ist solch ein Platz, geprägt von hellgrauen Betonwegen und den spiegelnden Wänden der Toilettenanlage. Wer das Häuschen benutzt, hat den direkten Ausblick auf Andøyas zerklüftete Felsenküste – ziemlich einmalig und für manch einen auch ungewohnt. Keine Bange: Von außen ist die Glasfront undurchsichtig.

Nach Andenes kommen Reisende aus aller Welt zur Walsafari. "Wir garantieren zu 100 Prozent, dass sie während einer Bootstour mit uns Wale sehen", verspricht eine Werbung. Ob das stimmen kann? "Ja klar, wir wissen, wo die Wale sind", sagt Geir Maan, 66. Der Seebär ist Eigner und Kapitän des Motorschiffs "Reine". Seit 1992 hat er schon tausende Touren hinaus aufs Meer gemacht und dabei nach eigenen Worten zehntausende Wale beobachtet. Bis zu 70 Tonnen schwere Pottwale im Juni und August, hin und wieder auch Delfine. Im Winter sind es die Buckel- und Schwertwale, die den Heringsschwärmen folgen.

Nur ein paar Meilen entfernt von der Küste fällt der Meeresgrund des Festlandssockels hinab auf 2000 Meter. "In diesem Bereich, dem Bleik-Canyon, finden die Wale ihre Nahrung", erklärt Maan. Für 100 Prozent Walgarantie überlässt das Walsafari-Unternehmen wenig dem Zufall. "Wir haben Unterwasser-Mikrofone an Bord, um die Wale genau zu orten", sagt der Kapitän. Das Wetter kann jedoch einen Strich durch die Rechnung machen, denn bei Sturm und tosenden Wellen fallen die Touren buchstäblich ins Wasser.

Jahr für Jahr kommen etwa 20 000 Besucher nach Andenes zu den Walsafaris, deren Ursprung in den 1980er Jahren liegt und kurios anmutet: Zwei Schweden reisten ins kanadische British Columbia, um Wale zu beobachten. Erzählungen nach wurden die beiden gefragt: Warum fliegt ihr extra nach Kanada? Auch vor Norwegen gebe es Wale. Mit dieser Kunde kehrten die Schweden zurück in das verschlafene Andenes und regten die ersten Touren an – nichtsahnend, dass sich ein Hotspot der Walbeobachtung entwickeln könnte.

Ortswechsel in das 80-Einwohner-Dorf Blokken am Sortlandsund und zur Lachsfarm der Vesterålen. Sie ist eine der wenigen Aquakulturen Norwegens, in denen Besucher die industrielle Fischproduktion aus nächster Nähe erleben können – beim Rundgang durch eine Ausstellung und der Bootstour zu den drei Zuchtnetzen. "14 Millionen Menschen essen täglich Lachs aus Norwegen", sagt Führer Sverre B. Birkeland, 28. "Bei uns wachsen 300 000 Zuchtlachse heran."

Zwei bis zweieinhalb Jahre leben die Speisefische im Becken. Dann wiegen die Lachse sechs Kilo, sind schlachtreif und werden zur Fischfabrik in Stokmarknes gebracht, wo ihnen ein rasches Ende beschert ist. Nur drei Stunden dauert die Verarbeitung zu versandfertigen Portionen, drei Tage und länger der Transport per Kühllaster nach Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Sverre kam aus Lillehammer nach Vesterålen. Er ist einer der Zuwanderer, die in der Einsamkeit 300 Kilometer nördlich des Polarkreises ihr Lebensglück suchen. Die Zugezogenen stammen aus allen Regionen Norwegens – und manche aus Deutschland. Ssemjon Gerlitz, 46, kann sich noch gut an den Tag erinnern, als er zum ersten Mal über die schmale, kurvige Schotterpiste nach Nyksund fuhr. Das war im Dezember 1997. "Die Straße war halb zugewuchert, und in Nyksund war nichts."

So gut wie nichts jedenfalls. In den 1970er Jahren verließen die Fischer ihre Heimat im Nordwesten von Langøya. Sie siedelten in das 20 Kilometer entfernte Myre um und die Regierung in Oslo tat nichts gegen das langsame Sterben des kleinen Ortes. Zunächst schien das Schicksal von Nyksund, das früher als eines der reichsten Fischerdörfer in Vesterålen galt, besiegelt. Aber in einem der halb verfallenen Häuser brannte noch das Licht: Karl Heinz Nickel wohnte dort und hatte sich bescheiden eingerichtet. Nickel aus Dormagen traf auf Gerlitz aus Hilden und die beiden Aussteiger aus dem Rheinland machten sich an die Arbeit, um dem verlassenen Dorf neues Leben einzuhauchen. Mehr als zwei Jahre schufteten sie, legten Frischwasser- und Abwasserleitungen. Freunde und Bekannte kamen in den Ferien aus Deutschland und halfen mit. "Alleine hätten wir das wohl niemals geschafft", sagt Gerlitz, der seinen Freund Nickel dann aber tragischerweise bei einem Arbeitsunfall verlor.

Nach und nach kehrten die Norweger zurück nach Nyksund, das heute kein Geheimtipp mehr ist. 26 Personen leben in dem Örtchen, darunter zwei Kinder. Neben der Pension von Gerlitz gibt es ein Gasthaus, das von den beiden deutschen Zuwanderern Monja und Ringo Haupt geführt wird. Die kleine Kapelle, ein Trödelladen, drei Galerien und eine Bar runden das pittoreske Ortsbild ab.

Auch Passagiere von Kreuzfahrtschiffen erleben das kleine Nyksund. Sie kommen per Bus aus Sortland, wo einmal im Monat kleinere Schiffe anlegen. Das Maximum seien 3500 Passagiere pro Schiff, sagt Hafendirektor Rune Werner Mourad, 50. "Wir kurbeln den Tourismus an, aber haben die Verpflichtung, das richtige Maß für die Vesterålen zu finden."