Zeitreise

Wiederentdecken: Das Flandern des Malers Jan van Eyck

Christoph Driessen

Von Christoph Driessen (dpa)

Do, 06. Februar 2020 um 14:26 Uhr

Reise

Burgund war einst mächtigster Staat Europas. In dessen Zentrum lebte Jan van Eyck. Sein einzigartiger Blick auf ein Land, das es nicht mehr gibt, wird 2020 in Brügge und Gent zu einem Ausstellungserlebnis.

Es ist so eine Sache mit Zeitreisen. Man kann den besten Touristenführer haben, das schönste Wetter und die tollsten Attraktionen, doch allzu oft will sich das Gefühl, der Vergangenheit näher zu kommen, dennoch nicht einstellen. Der magische Moment, in dem man glaubt, einen Hauch vom Damals zu erhaschen, lässt sich nicht erzwingen. Dafür muss einiges zusammenkommen – wie in Brügge.

An diesem Winternachmittag ist die sonst überfüllte mittelalterliche Altstadt menschenleer. Der Weg in den Beginenhof führt über die katzbucklige Brücke, die das Minnewater überspannt. Über das Wasser gleiten zahllose Schwäne. Im Beginenhof, diesem Kleinod des Weltkulturerbes, lebten früher unverheiratete Frauen zusammen, die Wert auf ein selbstbestimmtes Leben in der Stadt legten. Heute wird das Refugium von Schwestern des Benediktinerinnenordens und alleinstehenden Frauen aus Brügge bewohnt.

Spazieren in Brügge: Eine Zeitreise ins 13. Jahrhundert

Weiß getünchte Treppengiebel hinter Bäumen, die lange Schatten werfen. Der Himmel färbt sich rot. Eine Schwester bahnt sich ihren Weg durch raschelndes Laub. Sonst ist es still. In diesem Moment nun mag man wirklich alles für möglich halten. Sogar dass der Maler Jan van Eyck (1390–1441) um die Ecke kommt und den Zeitreisenden aus dem 21. Jahrhundert einen kritischen Blick zuwirft.

2020 ist Jan-van-Eyck-Jahr in Flandern. Brügges Nachbarstadt Gent verspricht "die größte Jan-van-Eyck-Ausstellung, die es je gegeben hat". Nicht gerade ein Understatement. Drumherum gibt es weitere Ausstellungen, Konzerte, Theatervorstellungen, ungewöhnliche Spaziergänge, Feste und Stadtteilaktivitäten.

Margaretas Lächeln: Spott oder Zuneigung?

Gestorben ist van Eyck 1441 in Brügge. Die westflämische Stadt bewahrt in ihrem Groeningemuseum zwei Gemälde von ihm und besitzt damit zehn Prozent seines Gesamtwerks, das aus nicht mehr als 20 Arbeiten besteht. Das eine Bild ist ein Porträt seiner Frau Margareta. Mit einem angedeuteten Lächeln und leicht spöttischen Blick schaut sie auf den Betrachter herab. Sie hat gezupfte Augenbrauen und eine sehr eigenwillige Frisur, bei der die Haare in zwei Drahthörner gestopft wurden.
Nach seinem Tod habe Margareta das Atelier mit mehreren Schülern jahrelang weitergeführt, berichtet Stadtführer Pol Mulier. Sie scheint also sehr selbstbewusst gewesen zu sein, und genau das strahlt das Porträt aus. Das andere Bild ist ein Hauptwerk des Malers, sein größtes Gemälde nach dem Genter Altar: die "Madonna des Kanonikers Joris van der Paele". Es zeigt den Auftraggeber Joris van der Paele, einen ebenso steinalten wie steinreichen Chorherrn, im scheinbar vertrauten Plausch mit der Gottesmutter Maria samt Jesuskind, einem Schutzengel und einem Pfarrheiligen. Das Faszinierende ist die überaus realistische Malweise. "Es gibt Ärzte, die untersucht haben, welche Krankheiten van der Paele hat", erzählt Mulier. "Man hat fünf oder sechs Gebrechen aufgespürt."

Burgund – das entschwundene Land

Der Maler verbrachte sein Leben in einem Land, das es heute schon lange nicht mehr gibt: das märchenhafte Herzogtum Burgund. Es war einer der mächtigsten Staaten Europas und reichte im 15. Jahrhundert von den Watteninseln bis zu den französischen Alpen. Herzstück dieses Reichs war das heutige Belgien mit den damals größten Städten Nordeuropas nach Paris. Gent zum Beispiel hatte 64 000 Einwohner, die größte deutsche Stadt – Köln – nur 40 000. Während Köln im Zweiten Weltkrieg in Trümmer fiel, überdauerten die Schönheiten von Brügge und Gent die Jahrhunderte.

Van Eycks Hauptwerk, der Genter Altar, steht sogar immer noch in der Kirche, in der er 1432 feierlich eingeweiht wurde, in der Genter Kathedrale St. Bavo.

"Ein über köstlich, hoch verständig Gemähl."Albrecht Dürer
Die hier angewandte Technik war so revolutionär, dass der Altar als Gründungsakt der neuzeitlichen Malerei gefeiert wird. "Ein über köstlich, hoch verständig Gemähl", urteilte Albrecht Dürer, der es 1521 als ganz normaler Tourist besuchte. Die Wirkung auf die damaligen Menschen muss man sich ungefähr so vorstellen, als hätte man ihnen plötzlich ein hochauflösendes Foto aus dem 21. Jahrhundert gezeigt. Je näher man an die 20 Bildtafeln tritt, aus denen sich der Altar zusammensetzt, in desto winzigere Miniaturen lösen sie sich auf. Rund um den auf der Haupttafel abgebildeten Lebensbrunnen wachsen so auf einem Stück Wiese 42 verschiedene Pflanzenarten, darunter subtropische, wie Jan van Eyck sie als Gesandter des Burgunderfürsten Philipps des Guten auf seiner Reise nach Portugal gesehen haben dürfte.

Zurzeit wird im hinteren Bereich der Kathedrale ein neues Besucherzentrum für den Altar gebaut, am 8. Oktober soll es öffnen. Mit Simulationen und interaktiven Modulen sollen dann die Kathedrale und ihr Meisterwerk zum Leben erweckt werden. Die Besucher bekommen Augmented-Reality-Brillen und sehen alles so wie Jan van Eyck und seine Zeitgenossen, verspricht Astrid Van Ingelgom, Projektleiterin des Van-Eyck-Jahres in Gent.

Frisch restauriert und neu kuratiert: Gent feiert van-Eyck

Größtes Ereignis des Themenjahrs ist aber die Ausstellung "Van Eyck. Eine optische Revolution", bis 30. April im Museum für Schöne Künste (MSK) in Gent. Sie wird zehn Gemälde des Meisters vereinen, also die Hälfte des Gesamtwerks. Dazu kommen rund 100 Werke aus seinem Atelier, Kopien verlorener Werke und Arbeiten seiner Zeitgenossen aus dem Spätmittelalter.

Im Mittelpunkt der Schau stehen die restaurierten Außentafeln des Genter Altars. Zu Beginn des 2012 begonnenen Restaurierungsprojekts hatten die Experten festgestellt, dass 70 Prozent der Altarbilder bei früheren Restaurierungen übermalt worden sind.

Darunter habe sich aber zum Glück noch die Originalmalschicht befunden, berichtet die Leiterin des Projekts, Hélène Dubois. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands habe nicht nur die Farben viel kräftiger und strahlender hervortreten lassen, sondern auch mehr Details zutage gefördert und eine größere Tiefenwirkung ergeben. Dadurch sehe man das Werk nun erstmals seit Jahrhunderten wieder so wie van Eyck und seine Zeitgenossen.

"Der burgundische Hof war ein kultureller Schmelztiegel" Frederica Van Dam
Die Ausstellung werde verdeutlichen, dass van Eyck am burgundischen Hof mit anderen Künstlern, aber auch Wissenschaftlern, Intellektuellen und Technikern aus verschiedenen Disziplinen in Kontakt stand und ihr Know-how in seine Bilder einfließen ließ. "Es war ein kultureller Schmelztiegel", sagt Van Dam. "Seine Umgebung ist außerordentlich wichtig gewesen."

Das Faszinierende ist, dass diese Umgebung bis heute weitgehend erhalten ist. Kehrte van Eyck noch einmal zurück, er würde sich in Brügge und Gent mühelos zurechtfinden. So ist im Hintergrund der Haupttafel des Altars die Genter Skyline zu erkennen – wovon sich der Besucher vor Ort sofort überzeugen kann. Eine solche Möglichkeit nach fast 600 Jahren dürfte nahezu einzigartig sein. dpa
Jan van Eyck in Brügge und Gent

Anreise: Die zwei flämischen Städte liegen etwa eine halbe Autostunde auseinander und lassen sich ideal kombinieren. Am einfachsten ist eine Anfahrt mit dem Auto, andernfalls mit Flugzeug oder dem Thalys nach Brüssel und von dort weiter mit dem Zug.
Infos: Tourismus Flandern-Brüssel, Stolkgasse 25-45, 50667 Köln,
E-Mail: info.de@visitflanders.com, http://www.visitflanders.de

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