Abitur

Realschul- und Hauptschulabschlüsse scheinen die Stiefkinder zu sein

Jacqueline Eilber

Von Jacqueline Eilber (Freiburg)

Sa, 23. Mai 2020

Leserbriefe

Zu: "Das Abitur startet", Meldung von Agentur (Politik, 16. Mai)
Verwundert und zunehmend verärgert verfolge ich in den letzten Wochen die Berichterstattung zur Situation der weiterführenden Schulen und der anstehenden Prüfungen im Zuge der Corona-Pandemie. Immer wieder entsteht dabei der Eindruck, Realschulprüfungen (von Hauptschulprüfungen wird oft gar nicht erst gesprochen; aber ja, die gibt es auch) werden als zweitklassig, nicht erwähnenswert eingestuft. So wird auch in der Meldung vom 16. Mai 2020 nur darüber informiert, dass die Abiturprüfungen starten. Dass aber ebenso die Realschulprüfungen beginnen, taucht nirgendwo auf. Warum ist das so?

Mir scheint das keinesfalls (nur) ein Versehen, zu oft steht das Abitur im Vordergrund. Realschul- und meines Erachtens noch viel stärker die Hauptschulprüfungen scheinen die am liebsten vergessenen Stiefkinder oder nur Zwischenstationen auf dem Weg zum Abitur zu sein. Und das in einer Zeit, in der das Handwerk und andere Ausbildungsbetriebe über zu wenig Nachwuchs klagen; oder man aktuell merkt, welchen wichtigen Beitrag zum Wohle aller auch Verkäufer, Bäcker, Straßenbahnfahrer, Pfleger et cetera leisten. Die Menschen in diesen Berufen haben meistens kein Abitur. Das waren Schüler, die ihre Erfüllung nicht im Akademischen fanden, aber in ihren späteren Berufen sehr wohl Zufriedenheit finden können und unser aller Wertschätzung verdienen.

Ja, klatschen lässt es sich leicht in der Krise, aber was ist mit wirklicher Anerkennung? Als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin weiß ich, dass für ein glückliches Leben unter anderem das Gefühl wichtig ist, etwas Sinnvolles, gesellschaftlich Anerkanntes zu tun. Wie können wir unseren Kindern vermitteln, welchen Stellenwert und Bedeutung solche Berufe haben, wenn wir uns so widersprüchlich verhalten? Real- und auch Hauptschulabschlüsse sollten als das angesehen werden, was sie meines Erachtens sind: ein Abschluss und sehr wichtige Prüfungen für Jugendliche, die ihre Erfüllung nicht vordergründig in kognitiven Tätigkeiten finden, sondern in anderen Bereichen, die aber genauso wichtig und wertvoll für die Gesellschaft sind. Und mit Anerkennung und Wertschätzung jeglicher Tätigkeiten meine ich nicht nur die gerechte Entlohnung, sondern auch unser aller Respekt.

Jacqueline Eilber, Freiburg