BZ-Interview

Regionale-Geschäftsführerin Silke Baumann: "Vieles in Bewegung gebracht"

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 21. November 2019 um 19:57 Uhr

Kunst

BZ-Interview mit der Regionale-Geschäftsführerin Silke Baumann über die 20. Ausgabe der grenzüberschreitenden Kunstschau.

Die Regionale ist vermutlich die größte grenzüberschreitende Kunstausstellung der Welt. Gestern in Mulhouse eröffnet, geben bis 19. Januar Ausstellungen in 18 Häusern mit Arbeiten von 181 Künstlerinnen und Künstlern einen Einblick in das Kunstschaffen im Dreiländereck. Anlässlich der 20. Ausgabe dieses Großevents sprach jetzt Dietrich Roeschmann mit der Regionale-Geschäftsführerin Silke Baumann.

BZ: Frau Baumann, im Winter 2000 eröffnete in Basel die erste Regionale in acht Häusern. Was war der Anlass?
Baumann: Die Initiative ging von der Kunsthalle Basel aus, die in ihren Räumen bis dahin Jahrzehnte lang die traditionelle Jahresausstellung der Basler Kunstschaffenden ausgerichtet hatte. Dieses Format wurde als nicht mehr zeitgemäß kritisiert, vor allem auch von den lokalen Künstlern und Künstlerinnen selbst. Die Idee war, das Format in doppelter Hinsicht zu öffnen – zum einen institutionell, um so auch andere Kunsthäuser in der Stadt zu beteiligen, zum anderen geografisch, damit auch Künstlerinnen und Künstler aus Südbaden und dem Elsass sowie die internationalen Kunststudierenden im Rahmen des iaab-Stipendiums die Möglichkeit hatten, ihre Arbeiten hier zu präsentieren. Es war ein Experiment.

BZ:
Wie wurde es aufgenommen?
Baumann: Extrem gut. Das Ausstellungsformat entwickelte sich rasant, passend zum Namen der ersten Ausgabe: Regionale 2000 – das klang wie ein Sportwagen. Schon im zweiten Jahr waren der Kunstverein Freiburg und die Städtische Galerie Stapflehus in Weil mit dabei, im Jahr darauf die FABRIKculture in Hegenheim und die Kunsthochschule in Mulhouse. Zum zehnjährigen Jubiläum folgten unter anderen die Kunsthalle Mulhouse und die Stadt Straßburg mit mehreren Kunsträumen, später das E-Werk in Freiburg, La Filature in Mulhouse und das Haus der elektronischen Künste in Basel. Und die Regionale wächst weiter. Aktuell ist die Garage COOP aus Straßburg erstmals mit dabei.

BZ:
Im Gründungsjahr gab es in der Region eine regelrechte Euphorie der grenzüberschreitenden Kulturarbeit. Auch der Museumspass wurde in dieser Zeit entwickelt. Was ist davon geblieben? Hat die Regionale zur engeren Vernetzung der Kunstszenen am Oberrhein geführt?
Baumann: Ja, die Regionale hat hier tatsächlich vieles in Bewegung gebracht, vor allem für die Kunstschaffenden selbst. Sie profitieren bis heute davon, und zwar nicht nur, weil die Regionale für viele eine sehr reale Chance zur Präsentation der eigenen Arbeit bietet – gerade wenn sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen –, sondern auch, weil sie den Austausch ermöglicht. Viele bewerben sich regelmäßig, kennen auch die weniger prominenten Ausstellungsorte. Sie knüpfen Kontakte, stellen gemeinsam aus, haben ein Bewusstsein für die Vorteile, die sich aus der Überschneidung von drei sehr unterschiedlicher Perspektiven auf zeitgenössische Kunst ergeben. Dieser Dialog wäre ohne die Regionale kaum so stark ausgeprägt. Er belebt die Szene nachhaltig.
BZ: Seit der ersten Ausgabe ist die Hierarchie zwischen den einzelnen Häusern ein wiederkehrendes Thema. Einige haben internationale Ausstrahlung, andere Schwierigkeiten, lokal wahrgenommen zu werden. Wie gelang hier ein Ausgleich, der es den Häusern ermöglichte, Partner auf Zeit zu werden?
Baumann: Das ist tatsächlich eine der zentralen Herausforderungen. Im Vorwort des Katalogs zur ersten Regionale hieß es dazu, dass es trotz des gemeinsamen Auftritts vor allem darum gehen müsse, die Spezifika und Charakteristika der einzelnen Orte beizubehalten. Das macht die Regionale bis heute zu einem spannenden Format. Die Unterschiede zwischen den Häusern sind elementar, vom ehrenamtlich geführten Verein bis zur traditionsreichen Kunsthalle gibt es alles. Am Ende geht es nicht um Reichweite, Ausstattung oder Professionalität, sondern um Inhalte. Das ist wichtig, denn die Regionale ist eine Großausstellung, die sich aus vielen Einzelschauen zusammensetzt, dezentral und ohne thematische Klammer. Lediglich die Kommunikation und die Verwaltung sind gebündelt. Ansonsten setzt jedes Haus seinen eigenen programmatischen Schwerpunkt.

BZ:
Was erwartet die Besucher 2019?
Baumann: Ein denkbar breites Panorama des Kunstgeschehens in der Region aus der Perspektive von über 40 beteiligten Kuratorinnen und Kuratoren. Peter Pakesch etwa, Mitbegründer der Regionale und früherer Leiter der Kunsthalle Basel, zeigt dort als Gastkurator eine Schau mit Arbeiten von Kunstschaffenden unter 35 und über 65 und thematisiert damit das Verhältnis von künstlerischer Praxis und Lebensalter. In der Schau "The Sun to Come" im Kunstverein Freiburg dagegen steht das Fremde im vermeintlich Vertrauten im Zentrum, und im CEAAC Straßburg sind die unterschiedlichen künstlerischen Positionen allein durch das dünne Band einer vagen Vision miteinander verknüpft.

BZ:
Das klingt ziemlich disparat.
Baumann: Ja, aber genau diese Vielfalt unter dem Dach eines gemeinsamen Auftritts macht die Regionale einzigartig. Darüber hinaus präsentieren alle Häuser zusammen anlässlich des Jubiläums der Regionale zwei Projekte von Sanna Reitz und dem Künstlerinnenkollektiv marsie, die sich mit der Definition und der Überschreitung von Grenzen in der Region beschäftigten.

Regionale 20: bis 19. Januar 2020.
http://www.regionale.org Die Kulturwissenschaftlerin Silke Baumann (Jahrgang 1977) war 2003 bis 2005 Assistenzkuratorin an der Kunsthalle Basel, arbeitete im Team der Berlin Biennale und realisierte diverse Projekte für die Akademie der Künste Berlin. Seit 2017 ist sie zurück in Basel, Vorstandsmitglied im traditionsreichen Offspace Ausstellungsraum Klingental und Geschäftsführerin der Regionale 20.