Weiße Stadt

Winfried Schumacher

Von Winfried Schumacher

Sa, 30. März 2019

Reise

Auf Dünensand gebaut: Seine Blüte fand der avantgardistische Bauhaus-Stil in Tel Aviv in Israel mit rund 4000 Gebäuden / .

Am Anfang war eine Vision: Eine großzügige Gartenstadt mit breiten Alleen und weiträumigen Grünanlagen erträumten jüdische Siedler, als sie 1909 die erste hebräische Stadt nördlich des alten Hafens von Jaffa aus dem Dünensand stampften. Sie hatten das enge Leben hinter den Altstadtmauern von Jaffa und Jerusalem satt und legten den Grundstein für Tel Aviv. Aus einem wagemutigen Experiment wurde eine pulsierende Großstadt – Israels Wirtschaftszentrum, Kulturmetropole und Lebestadt, die allerdings immer mal wieder in negative Schlagzeilen kommt. Erst Anfang der Woche gab es inmitten des israelischen Wahlkampfs bei einem Raketenangriff Verletzte.

Wörtlich übersetzt bedeutet Tel Aviv "Frühlingshügel", die ersten Bewohner benannten ihre Stadt jedoch nach Theodor Herzls utopischem Roman "Altneuland", in dem sie den deutschen Titel frei ins Hebräische übertrugen. Eine Stadt mit Raum und Licht zum Wohnen für Jedermann sollte Tel Aviv werden. Dabei nahm die Vision der Gründer erst 25 Jahre später so langsam Gestalt an. Bis dahin war Tel Aviv nämlich nicht viel mehr als eine unkoordinierte Siedlung mit verstreuten Bauten in einem wilden Durcheinander aus orientalischen und westlichen Stilelementen.

1925 konnte der erste Bürgermeister Meir Dizengoff den schottischen Stadtplaner Patrick Geddes für den Entwurf eines Straßennetzes und eines Bebauungsplans gewinnen. In den 1930er Jahren wuchs die junge Stadt schlagartig, als Tausende europäische Juden vor dem Naziterror nach Palästina flohen. Tel Aviv wurde zum sicheren Zufluchtsort vor Rassenwahn, Verfolgung und den Vernichtungslagern.

Unter den Flüchtlingen aus Europa waren auch einige Architekten aus Berlin und Dessau, durch und durch geprägt vom neuen Wohnverständnis der Bauhaus-Schule, die am 12. April 1919 in Weimar gegründet worden war, 1925 nach Dessau und 1932 nach Berlin umzog. In Nazideutschland hatte die Avantgarde der Architekten ihre Arbeit verloren. Tel Aviv, das dringend Wohnraum für immer mehr Menschen benötigte, entwickelte sich schnell zum Labor der Bauhaus-Schüler. Hier konnten sie frei mit ihrem Ethos vom sozialen Wohnen experimentieren, ganz nach dem Selbstverständnis des Bauhaus-Gründers Walter Gropius: "Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens", hatte der Vater der modernen Architektur feierlich in seinem Gründungsmanifest formuliert.

In Tel Aviv galt es, das progressive Architekturverständnis den städtebaulichen und klimatischen Bedingungen der neugewonnenen mediterranen Heimat anzupassen. So vereinen viele Gebäude Dessauer Funktionalität mit orientalischer Wohntradition. Voller Ideen im Kopf war etwa der junge Bauhaus-Architekt Ludwig Kurzmann, als er 1931 in Tel Aviv eintraf. Nachdem im selben Jahr die Nationalsozialisten die Mehrheit im Dessauer Stadtrat übernommen hatten, war die Schließung der avantgardistischen Künstlerschmiede vorprogrammiert. In Berlin hatte der im damals österreichisch-ungarischen Galizien geborene Kurzmann noch das Büro des einflussreichen Architekten Hannes Meyer geführt – zusammen mit Gropius Leiter der Bauhaus-Schule in Dessau.

In der Reichshauptstadt, das dämmerte Ludwig Kurzmann schon früh, würde es für eine jungen, vom sozialistischen Bauen überzeugten Architekten bald keine Zukunft mehr geben, für einen jüdischen schon gar nicht. In Palästina aber, wo Kurzmann bereits in den Zwanzigern ein paar Jahre als Pionier in einem Kibbuz gelebt hatte, schien man Leute wie ihn zu brauchen. Er zog kurzerhand nach Tel Aviv und gab sich den hebräischen Namen Arieh Sharon. Heute gilt er als Vordenker der Weißen Stadt.

Sharons scharf geschnittene Hod-Arbeiter-Residenz in der Frishman Street gibt noch heute einen guten Eindruck von der ambitionierten Ideologie des Bauhaus: Einfachheit, Funktionalität, Universalismus, radikale Schnörkellosigkeit.

Mehr als 4000 Gebäude der Klassischen Moderne sind bis heute in Tel Aviv erhalten. In manchen Straßen reiht sich ein Bauhaus-Gebäude an das nächste. Mit dem Bauboom der 1930er Jahre musste Geddes' weiträumige Stadtplanung allerdings größtenteils aufgegeben werden. An die einstige Vision einer großzügigen Gartenstadt mit weiten Boulevards und viel Grün erinnert heute fast nur noch die belebte Rothschild-Promenade.

Hier scharen sich Tel Avivs Startup-Yuppies mit übergroßen Sonnenbrillen und Cappuccino-Pappbechern in den Händen um die winzigen Straßenkiosks. Gruppen von Jugendlichen und junge Eltern mit Kinderwagen flanieren im Schatten der Flammenbäume. Die schlichte Independence Hall, Rothschild Nr. 16, wo David Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit Israels verkündete, ist heute eine Gedenkstätte.

In wildem Wechsel findet sich überall in Tel Aviv die funktionelle Kantigkeit der Fassaden mit den geschwungenen Linien der Balkonreihen. Walter Gropius hätte sicher seine Freude daran. Erst seit die Unesco 2003 das weltweit größte Bauhaus-Ensemble auf die Weltkulturerbe-Liste setzte, bemüht sich die Stadt langsam um den Erhalt ihrer historischen Architektur. Einige wurden zum 100-jährigen Jubiläum der Bauhaus-Gründung aufgehübscht. In diesem Jahr soll auch das White City Center in der Idelson Street eröffnen. Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat unterstützt mit dem Projekt den Aufbau eines Zentrums für Denkmalschutz und Sanierung und macht damit die Bedeutung der Weißen Stadt für Deutschland und Israel gleichermaßen deutlich.

Ein Highlight unter den original erhaltenen Bauten ist auch das Cinema Esther. Gemeinsam mit den benachbarten Gebäuden setzt seine konkave, strahlend weiße Hauptfassade den kreisrunden Brunnen auf dem gerade restaurierten Dizengoff-Platz erst richtig in Szene. Das Dekor des zum Hotel umgebauten ehemaligen Kinos erinnert an eine große, längst verblasste Leinwand-Ära. Es birgt eines der schönsten Treppenhäuser der Tel Aviver Moderne. Nur ein paar Gehminuten weiter widmet das Bauhaus-Center seine Bibliothek, seine Ausstellungen und speziellen Stadtführungen ganz dem Erbe der Architekten aus Weimar, Dessau und Berlin.

Rund um die Dizengoff Street sind viele der einst revolutionären und heute denkmalgeschützten Fassaden jedoch vergilbt. Die Weiße Stadt ist in die Jahre gekommen.
Die schlichte Eleganz der bröckelnden Wohnhäuser wird längst vom postmodernen Chic der jüngsten Glastürme überragt. Tel Aviv bleibt ein Spielplatz für Architekten und bei den jüngsten Projekten mischten auch weltweit bekannte Stars mit. Daniel Libeskind entwarf für die Bar-Ilan-Universität in der Vorstadt Ramat Gan ein futuristisches Kongresszentrum. Sein von schrägen Fensterreihen zerschlitztes Wohl Center erinnert an das Jüdische Museum in Berlin. Mit einem 32-stöckigen Wohnturm hat sich auch Pritzker-Preisträger Richard Meier am Rothschild-Boulevard verewigt. Der 2014 fertiggestellte Bau ist nur einer von einer Reihe neuer Hochhäuser im Zentrum Tel Avivs. Den alten Bauhäuschen ist mancherorts nur noch ein Schattendasein zwischen Spiegelfassaden und Bankentürmen vergönnt. Was wohl der alte Gropius über die neue Skyline der Weißen Stadt am Mittelmeer sagen würde?