Avantgarde im Barockambiente

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Sa, 20. Juli 2019

Rock & Pop

Die Electro-Geigerin Sudan Archives bei "Stimmen" in der Reithalle im Riehener Wenkenpark .

"Reingefiedelt" habe sich Sudan Archives in die alternative Musikszene, spöttelte die Musikzeitschrift Spex, als es sie noch gab. An der 24-Jährigen aus Ohio mit Wohnsitz L.A. scheiden sich die Geister. Die Geige als Hauptinstrument in der elektronischen Musik, zudem eine ruppig und kratzig behandelte – das sorgt nicht nur für Begeisterung, erinnert manche an ihre verzweifelten Versuche auf der Musikschule, andere wittern wurzelige Folk-Tümelei. Doch Sudan Archives bricht mit Klischees: Im Alleingang baut sie um ihr Instrument fantastische Soundscapes, die sich zwischen futuristischem R&B, Neo-Soul und Electro-Performance einpendeln. Afrikas urtümliche Streichfiedeln haben ihr anfänglich den Kick gegeben.

Man konnte sich fragen, warum die Stimmen-Verantwortlichen den progressivsten Act ihres Programms ausgerechnet in den "konservativsten" Spielort setzten, die Reithalle im Riehener Wenkenpark. Deutlich sichtbarer Effekt schon vor dem Gebäude: Etliche junge Leute hat es in den barocken Park gezogen. Und der Clash macht Spaß: hier der großbürgerliche Wohnzimmer-Charme des Bühnenhintergrundes, dort die Avantgarde-Künstlerin, die im kirschroten Umhang an eine Wüstenprinzessin erinnert und spröde Pizzicato-Phrasen schichtet. Ganz so, als wolle sie erst mal unter ihrer Kapuze die Stimmung in diesem wunderlichen Saal antesten. Das Pferdehaar ihres Geigenbogens – zunächst die einzige Verbindung zur Gestüt-Atmosphäre. Die abwartende, gespannte Haltung auf beiden Seiten – sie sorgt für fast hörbares Knistern.

Dann ist die Kennenlernphase vorbei, und Sudan Archives, einst mit stolzer Afromähne als Markenzeichen, gibt sich mit seitlich rasiertem Pony und Pferdeschwanz zu erkennen. Von ihrem Roland SP-404-Sampler lässt sie monströse House-Rhythmen in die Halle knallen, zu den gezupften Linien treten langgezogene, heulende Glissandi, die sich in ihrem Fluss aneinander reiben. Mit Fingern und Knöcheln bearbeitet wird der Geigenkorpus außerdem zur Perkussionsfläche, verzahnt sich mit den programmierten schmatzenden, schabenden und klackernden Rhythmusfragmenten, die auch mal tönen, als klatsche man mit der hohlen Hand auf Wasser. Diese Patchwork-Konstrukte aus Programmiertem und live Gespieltem, gelegentlich mit abrupten Taktwechseln versehen, besitzen so viel Räumlichkeit in sich selbst, dass die hallige Akustik des Saals stellenweise störend wirken kann. Auch ihre Stimme, weder soulig noch virtuos, muss sich vorarbeiten. Als sie das schafft, erkennt man in ihrem lakonischen, fast sprechenden Ton Anleihen an Neo-Soulqueen Erykah Badu, mit der sie verglichen wird. Die dicht gepackten schweifenden Chöre erinnern phasenweise an den seligen Prince.

Nicht so ganz passt die ebenfalls öfters gezogene Parallele zu Laurie Anderson: Viel weniger akademisch ist Sudan Archives Musik, viel mehr um einfache melodische Floskeln kreisend und auf afrikanische Archaik verweisend. Bilder von einem Kamelritt der Nomaden entstehen in einem gemächlicheren Moment, auch fernöstliche Tupfer blitzen auf – nie geographisch konkret, diese Frau entwirft ihre eigene Landkarte. Und wie um sich über Virtuosität zu mokieren, schiebt sie mit fliegendem Bogen ein rasantes "Orange Blossom Special" ein, halsbrecherischer Klassiker der Country-Fiddle. Sudan Archives, die sich auch als Visual Artist sieht und grandiose Videoclips zu ihren Stücken dreht, geht mit Effekthascherei fürs Auge auf der Bühne eher sparsam um: Nur kurz wird der Geigenbogen mal zum Laserschwert, mal tanzt sie für einen Moment als Ballerina im Kreis, pflückt dann aus der Girlande am Mikroständer eine Blume fürs Publikum heraus.

Man muss keine feinen Antennen haben, um zu spüren: Das Experiment glückt. Diese manchmal noch unausgegorene und leicht überfrachtete, aber oft verblüffende Electro-Spielwiese läuft im eher braven Setting. Aber das Gros des Publikums lässt sich mitreißen, den Ausgang suchen nur Einige, verschreckt von Lautstärke und technoidem Gestus. Ja, Vieles ist programmiert, Vieles geloopt: Doch die Interaktion zwischen Maschinen und alleiniger Akteurin lehnt sich nie bequem ins Vorfabrizierte zurück, Sudan Archives hält sie immer lebendig. In die langweiligen Drei-Akkorde-Gitarrenmädchen und Gutelaune-Combos, die den Festivalsommer bevölkern, pflügt diese junge Frau eine aufregende, wagemutige Schneise.