"Die Macht der Nacht"

DJ Westbam legt Autobiografie zum 50. Geburtstag vor

Oliver Seifert

Von Oliver Seifert

Di, 10. März 2015 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

Musik, überall Musik, nichts als Musik: Der Technopionier und DJ Westbam erzählt in "Die Macht der Nacht" eine kleine Kulturgeschichte des elektronischen Clubsounds.

Die eine Biographie ist schnell erzählt. Maximilian Lenz wird am 4. März 1965 in Münster geboren. Seine Eltern sind Hippies, auch wenn sie das selbst nicht so gelten lassen wollen, ihr Erziehungsstil ist antiautoritär. Die Familie zieht in ein kleines Bauernhaus im Münsterland, eine unbeschwerte Kindheit ist garantiert. Der kleine Max mag Marschmusik und Arbeiterlieder, weshalb er als Erstklässler unbedingt die Internationale zum Vortrag bringen will. Nach einer halbjährigen Bildungsreise ins Berliner Nachtleben macht der gereifte Maximilian Abitur und schreibt sich später als Student für Philosophie und Katholische Theologie ein.

Die andere Biographie braucht länger. Sie handelt von Westbam, dem Alter Ego von Maximilian Lenz. Es ist die Story eines Lebens, dessen Mittelpunkt die elektronische Musik ist. Als DJ, Labelbetreiber und Veranstalter hat Westbam, gerade 50 Jahre alt geworden, Techno nicht nur in Deutschland aus der Nische ins Rampenlicht manövriert – ein weltbekannter Pionier der Partynächte, die für wilde, endlose, rauschhafte Ekstase stehen. Für viele ist er ein Apologet der ravenden Spaßgesellschaft. Sein Buch "Die Macht der Nacht" erzählt vor allem die Geschichte von Westbam, weniger die von Maximilian Lenz. Ein Leben als Fleisch gewordenes Pseudonym: Die bürgerliche Existenz tritt hinter die künstlerische Existenz zurück. Musik, überall Musik, nichts als Musik.

Die musikalische Laufbahn des Maximilian Lenz beginnt als Punk, der auf New Wave steht. Die ersten Bands heißen Anormal Null oder Kriegsschauplatz. Noch als Teenie bekommt er einen Job als DJ im Münsteraner Club Odeon – für 150 Mark Gage. Unter seine Fittiche nimmt ihn Wilhelm "William" Röttger, weshalb DJ Captain Xerox, so der anfängliche Arbeitsname, wohl der einzige DJ weltweit ist, der zwar einen eigenen Manager hat, aber noch keine eigene Plattensammlung. Er übt fleißig das Mixen, das Ineinanderblenden der Songs, und nennt sich als Fan des rohen, hypnotischen Minimalismus New Yorker HipHop-Pioniers Afrika Bambaataa bald Westfalia Bambaataa, kurz Westbam. In seinem 1984 veröffentlichten Manifest "Was ist Record Art?" hebt er den DJ in den Rang eines Musikers und Komponisten. Anfang der 1990er Jahre wird seine Vision zunehmend Realität: Der DJ tritt an die Stelle der Band, Techno an die Stelle von Rock ’n’ Roll. Es ist die Hochzeit einer Partykultur, die auf synthetische Klänge und synthetische Drogen gleichermaßen abfährt. Zur Loveparade im Juli 1991 pilgern erstmals regionale Szenevertreter West wie Ost nach Berlin. "Das ist der Gründungsmythos von Techno-Deutschland", schreibt Westbam etwas pathetisch, und dass er und seine Homeboys vom eigenen Plattenlabel Low Spirit einen großen Anteil daran haben. Auf die Loveparade folgt die Massenparty Mayday, die Gesellschaft tanzt auf Großraves, der Größenwahnsinn nimmt kein Ende. Raveranto ist die Sprache des Partyvolks und das von Westbam und Techno-Tycoon Jürgen Laarmann betriebene Ausrufen der "Raving Society" als neue Gesellschaftsform 1994 die logische Folge. Doch Vorsicht Ausverkauf: Nur wenige Jahre später setzt der schleichende Niedergang der Bewegung ein. Auf den Spaß folgt die Depression.

Im Rausch des impulsiven Erzählens

Westbam hat viel zu berichten. Vom FDJ-Event Dance Special mit Stereo MCs und ihm. Von der ersten US-Tour mit Bruder Fabian. Von seinem lettischen Jünger Eastbam. Von der witzigen Zufälligkeit des Marusha-Hits "Somewhere Over The Rainbow". Von schrillsten Partys und schrägsten Typen. Seine von Beschreibungen und Analysen prallen Erlebnisberichte setzen auf die Lakonie einer Sprache, die wie selbstverständlich mit Szenevokabular hantiert. Der Leser kann schon einmal der Überblick verlieren, was gerade wann und wo und weshalb passiert, denn im Rausch des impulsiven Erzählens geht manche Einordnung, mancher Zusammenhang verloren. Westbam, der einmal Maximilian Lenz war, liefert einen umfassenden Insiderbericht der ersten Generation Techno. Das autobiographische Buch "Die Macht der Nacht" enthält seine musikalischen Erinnerungen, als eine kleine Kulturgeschichte der elektronischen Tanzmusik erzählt. "High five, Alter, was für ein Fest!"
– Westbam: Die Macht der Nacht. Ullstein Buchverlage 2015, 316 Seiten, 18 Euro.