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Schneewittchen auf der Spur: Märchen und Mystik im Spessart

Andreas Drouve

Von Andreas Drouve (dpa)

Sa, 23. Januar 2021 um 18:02 Uhr

Reise

Der Spessart soll die Heimat von Schneewittchen sein. Doch es sind nicht nur Geschichten wie diese, die auf einer Reise dorthin die Fantasie von Erwachsenen und Kindern beflügeln.

Der Weg "über die sieben Berge zu den sieben Zwergen", wie man ihn aus Grimms Märchen Schneewittchen kennt, führt durch Mischwald. Fichten, Eichen und Buchen säumen den markierten Schneewittchenweg von Lohr am Main nach Bieber. Farne fächern sich auf, Harzperlen glitzern an Stämmen, raschelndes Laub.

Hier entlang also floh Schneewittchen vor der niederträchtigen Königin, die ihre Stiefmutter war, bis sie das rettende Zwergenhaus erreichte und sich in Sicherheit wähnte. Doch die Monarchin stellte ihr nach und wollte sie auslöschen, da das sprechende "Spieglein, Spieglein an der Wand" nicht sie selber als "Schönste im ganzen Land" erachtete, sondern das tausendmal hübschere Schneewittchen.

Legt man heute die Route zurück, bleibt festzuhalten: Das von den Gebrüdern Grimm skizzierte "böse Weib" muss nicht nur wahnsinnig, sondern auch wahnsinnig fit gewesen sein. Zwischen Lohr und Bieber liegen 35 Kilometer, die sie dreimal bewältigte, hin und zurück, um die Stieftochter mit einem Schnürriemen, einem giftigen Kamm und einem vergifteten Apfel ins Jenseits zu befördern.

Drei neue Väter für Schneewittchen

Märchen sind nicht zu verorten, die Schauplätze können überall sein – eigentlich. Das änderte sich 1986, als Schneewittchen in Lohr drei neue Väter bekam. Ein Trio aus sogenannten Fabulogen fand in einer Weinstube unter Zufluss von reichlich Rebsaft heraus, dass die Märchengestalt die auf dem Lohrer Schloss geborene Adelige Maria Sophia Katharina Margaretha Freyin von Erthal (1725 bis 1796) und der Wald demzufolge der Spessart gewesen sein muss.
Hinweis: Nein, es ist im Moment nicht der richtige Zeitpunkt, um auf Reisen zu gehen. Doch irgendwann wird er wieder kommen. Bis dahin ermöglichen wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit schönen Reisegeschichten aus nah und fern eine kleine Auszeit.

Seither herrscht ein Hype, und Stadtführerin Bettina Merz spannt den Bogen von der Fiktion zur Wirklichkeit. Eine eitle, eingebildete Stiefmutter habe es gegeben, einen wertvollen Spiegel aus der örtlichen Manufaktur, ebenso die Berge und die Zwerge. "Das waren Bergarbeiter", sagt Merz, im Spessart habe es früher Bergbau gegeben. "Die Stollen waren sehr niedrig, da arbeiteten kleinwüchsige Menschen und Kinder", so Merz weiter. Zum Schutz gegen Schmutz hätten sie Zipfelmützen getragen: "Das sieht man auf alten Holzstichen." Auch der Glassarg, in dem Schneewittchen nach dem fatalen Biss in den Apfel landete, passe in den Spessart – "weil wir hier schon immer Glasherstellung hatten", so Merz.

Was fehlt, ist der Prinz. Im Märchen erlöste er Schneewittchen vom üblen Zauber und führte sie vor den Altar, während sich im wahren Leben die fromme, fast erblindete Maria Sophia dem Institut der Englischen Fräulein zu Bamberg anschloss.

Aufstieg Vom Zwerg zur Chefin

Diese Hintergründe erhellt die Biografie im Lohrer Schloss, in dem das Spessart-Museum untergebracht und das "Schneewittchen-Kabinett" als Zugeständnis an die Neugier der Besucher zu interpretieren ist. Was hält Museumsleiterin Barbara Grimm davon? "Das Thema macht uns natürlich bekannt", sagt die 58-Jährige. "Aber Schneewittchen ist nur ein winziger Bruchteil der Schlossgeschichte und des Museums." Deswegen sei es für sie wichtig, das Ganze mit einem Augenzwinkern zu betrachten, so Grimm.

"Viele schlitterten damals aus sozialer Not in die Räuberkarriere hinein" Barbara Grimm
Trotzdem führt kein Weg an dem von Frau Grimm konzipierten Märchenklangraum vorbei, in dem sich das Prunkstück unter all den Exponaten befindet: der Schneewittchen-Spiegel mit zwei Sinnsprüchen auf Französisch, die in kunstvolle Medaillons gefasst sind und so mit dem Betrachter kommunizieren.

Längst hat die Märchen-Beauty die Spessart-Räuber in den Schatten gestellt, die als "Wirtshaus im Spessart" ebenfalls ihren Platz im Museum haben. Die Novelle von Wilhelm Hauff (1802–1827) diente als Vorlage zum gleichnamigen Erfolgsfilm von 1958, der geprägt war vom Charme Lilo Pulvers und realitätsfremder Räuberromantik. "Viele schlitterten damals aus sozialer Not in die Räuberkarriere hinein", erklärt Barbara Grimm. "Sie stammten aus Familien, die wohnsitzlos waren und umherziehen mussten."

Schneewittchen wird in Lohr als Leitmotiv wunderbar strapaziert. Führerin Merz zeigt Zwergenskulpturen, sinniert über das polemische Horrorwittchen-Denkmal vor der Stadthalle, erklärt die Schneewittchen-Rallye für Kinder. Und weiß sogar, wo die böse Stiefmutter das Gift für den Apfel besorgte.

Zudem unterhält die Stadt einen Pool mit Darstellerinnen für Anlässe jedweder Art. Darunter ist Julia La Ferla, Sekretärin, 24. Sie wirft sich in Schale und spricht schmunzelnd von ihrem Aufstieg: Als Kind war sie mit weißem Bart als Zwerg bei Auftritten von Schneewittchen dabei – jetzt ist sie die Chefin.

Geister mit wilden Bärten

Zurück auf dem Schneewittchenweg begegnet man weder der Märchenschönheit noch den Spessarträubern, dafür einem Mann aus Fleisch und Blut: Burkhard Büdel, 67, emeritierter Professor für Pflanzenökologie. Die Spielplätze seiner Kindheit waren der Wiesbüttsee und das Wiesbüttmoor, wo er als Bub mit dem Fahrrad hinfuhr, fasziniert vor allem von den Kreuzottern. Später, als Wissenschaftler, ergründete Büdel das Hochmoor als "unersetzliches Datenarchiv", wie er sagt, mit einem fast 4000-jährigen Fundus. So weiß er zum Beispiel, dass im Spessart ursprünglich keine Fichten wuchsen.

Auf dem Schlussstück nach Bieber tauchen plötzlich echte Märchenkulissen auf, am Lochborner Teich. Geisterhaft ragen tote Stämme aus dem Wasser und beflügeln in der Dämmerung die Fantasie. Sind es nicht Gesichter, denen Haarbüschel aufsitzen, an denen wilde Bärte hängen, in denen Augenhöhlen stecken? Nur schnell weg hier. Das Endziel im Talgrund fällt dagegen ab: Bieber schlummert vor sich hin. Dort, wo Schneewittchen bei den Zwergen Unterschlupf fand, bleibt im Gegensatz zu Lohr die Vermarktungsoffensive aus. Kein Zwergenmuseum, kein Zwergenhaus, kein Zwergencafé. Dafür gibt es zwei Pizzerien.

Frau Holle und der Teufel

Märchen lassen Burkhard Kling seit seiner Kindheit nicht los. Früher, erinnert er sich, legte er wie Hänsel Spuren im Wald, um später wieder herauszufinden – allerdings aus Kiefernzapfen. In Steinau leitet er das museale Brüder-Grimm-Haus. Dort war Vater Grimm einige Jahre als Amtmann tätig und zwei seiner Söhne tollten durch die Stube: Jacob und Wilhelm, die Begründer der Germanistik und Herausgeber der weltberühmten "Kinder- und Hausmärchen".

Kling korrigiert die Vorstellung, die Grimms seien als Märchensammler umherzogen, vielmehr seien ihnen Beiträge zugeliefert worden. Er räumt aber ein, dass darunter Geschichten waren, die die Grimms "möglicherweise schon in ihrer Kindheit gehört hatten".

Die Säle sind mit Liebe zum Detail aufgezogen – und voller Kuriosa. So scheute sich Kling nicht, für die Rotkäppchen-Sektion ein Outfit aus dem Erotikshop zu bestellen. Konservativ hingegen ist der Dresscode bei der Märchenstadtführung mit Frau Holle alias Renate Ulrich: langer Rock, Haube, Strickstrümpfe. Dazu schleppt die 64-Jährige ein Federkissen mit. Stationen sind der Märchenbrunnen, das Schloss und die Katharinenkirche, neben deren Portal seltsame Rillen im Sandstein auffallen. Laut Volksmund stammen sie vom Teufel, eingekratzt aus Wut, da ihm hier ein Mann entwischte, der dem Höllenfürsten seine Seele versprochen hatte. "Da eine Kirche ein heiliger, geweihter Ort ist, war es dem Teufel unmöglich, ihm zu folgen", klärt Frau Holle alias Frau Ulrich auf und liefert die tatsächliche Erklärung für die Rillen: "Früher trugen die vornehmen Herren ein Schwert oder einen Säbel, aber mit einer scharfen Waffe durften sie nicht in den Gottesdienst. Da fuhren sie an der Seite des Eingangs mit den Klingen entlang. Damit waren die Waffen symbolisch entschärft – und sie konnten rein."

Unterwegs im Naturpark

Die Märchen sind eine Sache, die Zauberwelt im Naturpark Spessart eine andere. Nebel umhüllt jahrhundertalte Baumriesen, Mooskissen leuchten, Spechte hämmern, ein Bach rauscht in der Ferne. Wer im Hafenlohrtal glaubt, er habe den Verstand verloren, weil plötzlich Kolosse auftauchen, die man eher in Asien verortet – keine Sorge, die Wasserbüffel gibt es wirklich. Die Schwergewichte des Büffelprojektes fungieren als Landschaftspfleger und schaffen Lebensräume für andere Tiere, sind aber auch Fleischlieferanten.

Das perfekte Erlebnis zum Ausklang ist eine Nacht im Baumhaushotel bei Gräfendorf. Abends lauscht man im Baumhaus in die Stille hinein und spürt Gelassenheit. Morgens liegt Dunst im Waizenbachtal, bis die Sonne durch die Bäume bricht und eine Frühstücksfee mit ihrem Korb auftaucht. Märchenhaft.
Weitere Infos

Tourismusverband Spessart-Mainland, Industriering 7, 63868 Großwallstadt, 06022/261020, E-Mail: info@spessart-mainland.de, http://www.spessart-mainland.de
Spessart-Museum, Schlossplatz 1, 97816 Lohr am Main, http://www.spessartmuseum.de
Brüder-Grimm-Haus und Museum, Brüder Grimm-Straße 80, 36396 Steinau an der Straße, http://www.museum-steinau.de und http://www.brueder-grimm-haus.de