Ein Zeitzeuge erinnert sich

Das Leben in der DDR

Jurek Muff, Klasse 8, Integrative Waldorfschule Emmendingen e.V.

Von Jurek Muff, Klasse 8 & Integrative Waldorfschule Emmendingen e.V.

Fr, 25. November 2011 um 12:58 Uhr

Schülertexte

Siegfried Andree hat das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik miterlebt – und auch die Flucht.Schülerreporter Jurek Muff hat er von dieser Zeit erzählt, die heutzutage unglaublich klingen.

Siegfried Andree hat die Teilung Deutschlands 1945 als Kind miterlebte und flüchtete kurz vor dem Mauerfall aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Er wohnte in Thüringen, nur ein paar Kilometer von der Grenze entfernt, und war Lehrer für Mathematik in einem Gymnasium.

Deutschland wurde nach dem zweiten Weltkrieg als Strafe in vier verschiedene Besatzungszonen aufgeteilt, in die französische, britische, sowjetische und amerikanische Besatzungszone. Die Franzosen, die Engländer und die Amerikaner schlossen sich zusammen, so dass die Bundesrepublik Deutschland daraus entstand. Aus der russischen Zone entwickelte sich die DDR.

Siegfried Andree war noch ein Kind, als Deutschland 1949 geteilt wurde. Er dachte zu dieser Zeit nicht an eine Flucht über die Grenze. Wäre er zu dieser Zeit über die Grenze geflüchtet, hätte er es womöglich ohne große Probleme geschafft. Am Anfang gab es noch keine Mauer und die Grenze war nicht so stark bewacht. Später als er alt genug war und alles verstand, konnte man nicht mehr einfach in die Bundesrepublik flüchten. Die Flucht hätte ihm aber nach seiner Ansicht damals wenig gebracht, denn er hatte weder einen Schulabschluss noch eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Fast jeder wollte aus der DDR in den Westen, das "gelobte Land" fliehen. Doch fast niemand, den er, kannte schaffte es. Nur drei seiner Schüler kamen an einem Rosenmontagabend betrunken zu ihm und sagten, sie würden flüchten. Sie wollten sich nur noch von ihm verabschieden. Siegfried Andree sagte ihnen, dass die Flucht niemals klappen könnte. Am nächsten Morgen aber war im Radio zu hören, dass drei Schülern aus Thüringen die Flucht aus der DDR gelungen sei.

Im Jahre 1963 wurde dann eine Mauer errichtet, und auf beiden Seiten der Mauer war ein beleuchteter Asphaltstreifen. Auf diesem Streifen patrouillierte ständig ein Wächter. Wenn man an diesem vorbeikam, hatte man es noch lang nicht geschafft. Es gab Minen, Elektrozäune, Hunde, Wachtürme sogar Selbstschussanlagen.

In der DDR wurde man bei allem, was man tat, von dem Staatssicherheitsdienst, kurz Stasi, überwacht. Hatte man zum Beispiel keine Lust, seinen Garten umzugraben, hätte man einfach mit jemandem aus der Bundesrepublik zu telefonieren gebraucht und erwähnen müssen, die Fracht wäre angekommen und sei im Garten "versteckt". Innerhalb weniger Stunden hätte dann die mithörende Stasi die Suche nach dem Versteck eingeleitet. Als Folge hätte man ohne eigenes Zutun einen umgegrabenen Garten gehabt.

An Feiertagen erhielt Siegfried Andree des Öfteren Besuch von seinen Bekannten, die nicht so nah wie er an der Grenze wohnten. Sie schauten dann abends immer Westfernsehen, da man dieses nur in Grenznähe empfangen konnte. Aber nicht nur die Stasi spionierte, selbst die Nachbarn oder Freunde taten es. Gab Siegfried Andree einem Schüler eine Fünf, ging dieser zu seinem Vater und erzählte es ihm. Der Vater überlegte sich dann, wie die schlechte Note seines Kindes gerächt werden könnten. Dazu musste er nur zur Stasi gehen und die Anzeige aufgeben, dass Siegfried Andree Westfernsehen schaue.

Es war schon fast ein Staatsverbrechen, einen Wimpel eines Fußballvereins aus der Bundesrepublik zu besitzen, wie Siegfried Andree feststellen musste. Denn er kaufte sich in Polen einen Wimpel von Bayern München und einen von Dynamo Dresden. Er wurde zwar mehrfach von der Rektorin seiner Schule dazu aufgefordert, die Wimpel, die in seinem Auto hingen, abzuhängen. Doch da er sie legal in einem so genannten sozialistischen Nachbarstaat erworben hatte, sah er das nicht ein.

Es ging dann so weit, dass der Schulrat aus Erfurt angereist kam und sagte: "Sie haben dort den Wimpel von Bayern hängen und daneben haben sie den von Dynamo Dresden. Wollen sie damit zum Ausdruck bringen, dass es zwischen den beiden deutschen Staaten keine Grenze gibt?". Siegfried Andree wollte schon sagen: "Soll ich jetzt zwischen die beiden Wimpel auch Stacheldraht ziehen?" Er konnte sich jedoch noch beherrschen. Für diese "staatsschädigende" Antwort wäre er möglicherweise eingesperrt worden.

Das alles wurde in einer Akte vermerkt, sodass es sein konnte, dass einem deswegen auch keine Reisegenehmigung für ein sozialistisches Bruderland ausgestellt wurde. Westliche Länder durfte man ohnehin nicht bereisen.

Im Frühling 1989, nur noch wenige Monate vor dem Mauerfall, stellte Siegfried Andree einen Antrag für eine Urlaubsreise nach Polen. Diesen Antrag bekam er zum Glück genehmigt, sonst hätte seine Flucht womöglich nie geklappt. Also fuhr er mit seiner schwangeren Frau in die polnische Hauptstadt Warschau. Dort gelangte er in die westdeutsche Botschaft und bat um Asyl. So wurde er mit vielen anderen Ostdeutschen sechs Monate vor dem Mauerfall mit einem Flugzeug nach Düsseldorf gebracht. Dort kamen er und seine Frau bis zur Geburt ihres Kindes in einem Kloster unter.

Die Mönche im Kloster suchten nun für die beiden eine Wohnung. Ohne die Hilfe der Mönche hätte er wohl keine Wohnung erhalten. Wer wollte schon an einen mittellosen Flüchtling eine Wohnung vermieten?

Trost fanden viele ehemalige DDR Bürger während der kommunistischen Einparteienherrschaft in unzähligen Witzen über ihre Regierung. Einen, den Siegfried Andree noch erwähnte, war folgender:

"Gingen zwei Stecknadeln auf einer Landstraße spazieren und erzählten sich politische Witze. Blickte sich die eine um und sprach zur anderen. Bitte spreche nicht so laut, hinter uns läuft eine Sicherheitsnadel."