Kreis Waldshut

Schutzmaßnahmen für Nachbarn des Kernkraftwerks Leibstadt

Simon Wöhrle

Von Simon Wöhrle

Mi, 12. Januar 2022 um 10:43 Uhr

Kreis Waldshut

Das Schweizer Kernkraftwerk Leibstadt liegt direkt an der deutschen Grenze. Im Kreis Waldshut werden Jodtabletten an Anwohner verteilt – für den Katastrophenfall. Für deren Einnahme gibt es Regeln.

Das Kernkraftwerk Leibstadt gehört für die Menschen am Hochrhein zum Alltag. Die aufsteigenden Wolken sind vielerorts zu sehen. Mit dem Betrieb des Kraftwerks sind allerdings auch Risiken verbunden. Für eines davon will das Landratsamt Waldshut in Form von Jodtabletten vorsorgen, die für die Bewohner in einem Umkreis von fünf Kilometern um das Kraftwerk herum verteilt werden. Sinnvoll könnte diese Vorsichtsmaßnahme aber für viele weitere Menschen in der Umgebung sein.

Käme es im Kernkraftwerk zu einem Unfall und radioaktives Jod würde austreten, soll die Einnahme der Jodtabletten schützen. Denn der radioaktive Stoff kann sich sonst in der Schilddrüse sammeln, und die Gefahr von Schilddrüsenkrebs erhöht sich. Die rechtzeitige Einnahme der Tabletten kann dies Experten zufolge verhindern. Allerdings warnen Mediziner vor leichtfertigem Umgang. Vor der Einnahme sollte stets geklärt werden, ob diese sinnvoll und ob und wann genau diese richtig ist – etwa bei jungen Menschen.

Regierungspräsidium definiert drei Zonen im Umkreis

Das Regierungspräsidium (RP) Freiburg hat im Umkreis des Kernkraftwerks Leibstadt Zonen definiert, die im Unglücksfall helfen sollen, Maßnahmen gezielt umzusetzen. Die Zentralzone wird im Umkreis von zwei Kilometern um das Kraftwerk definiert, bis zu einer Entfernung von zehn Kilometern erstreckt sich die Mittelzone. Darin können laut dem Dokument des RP Jodtabletten vorsorglich kostenfrei an die Bevölkerung verteilt werden. Die Außenzone umfasst das Gebiet bis etwa 25 Kilometer Entfernung. Hier werden die Einwohner im Notfall mit Tabletten aus den Lagern der Gemeinden versorgt.

Peter Heilmann ist Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie im Ärztezentrum Hochrhein in Laufenburg und Murg und erklärt: "Die Schilddrüse produziert ein lebenswichtiges Hormon." Genau genommen sind es mehrere: Tetrajodthyronin (Thyroxin), kurz T4, und Trijodthyronin, kurz T3. Für die Produktion des Hormons benötigt sie Jod, dass beispielsweise über Nahrung aufgenommen wird. Falls es zu einem Unfall im Kernkraftwerk kommt, wird mit der Jodtablette das 100- bis 1000-fache der Menge aufgenommen, die täglich durch Nahrung eingenommen wird. Ziel ist die sogenannte Jodblockade, wie der Mediziner erläutert. Es geht darum, die Schilddrüse "mit so viel Jod abzudecken, dass kein oder nur sehr geringe Mengen von radioaktivem Jod vom Körper aufgenommen wird", so Heilmann.

Zeitpunkt der Einnahme und Lebensalter entscheidend

Besonders wichtig sind für die Einnahme der richtige Zeitpunkt und das eigene Alter. Als besonders vulnerable Gruppen gelten laut Strahlenschutzkommission Ungeborene, Kinder und Jugendliche. Auch Schwangere und Stillende zählen dazu. Bei der Einnahme sollte die richtige Dosis unbedingt beachtet werden. Die Einnahme der Jodtabletten wird von der Strahlenschutzkommission nur bis zu einem Alter von 45 Jahren empfohlen. Grund ist das mit höherem Alter steigende Risiko von Nebenwirkungen.

Die Altersgruppe der 18- bis 45-Jährigen ist weniger anfällig als Kinder und Jugendliche. Daher kann es sein, dass im Einzelfall für sie ebenfalls keine Einnahme empfohlen wird. Entscheidend für die Wirkung der Jodblockade ist auch der richtige Zeitpunkt der Einnahme. Sie soll nur auf Anordnung der Katastrophenschutzbehörde erfolgen. Laut Strahlenschutzkommission mindert eine zu frühe Einnahme den Schutz, eine zu späte könnte sogar schaden.

Der Endokrinologe Heilmann betont, dass eine prophylaktische Einnahme nicht erfolgen sollte, da hier andere Probleme auftreten könnten. Die Packungsbeilage und das Merkblatt, das mit den Tabletten ausgehändigt wird, sind unbedingt zu beachten. Menschen, die in der Zentralzone leben, erhalten die Tabletten zur Aufbewahrung zu Hause. Für die übrige Bevölkerung sieht das Verteilungskonzept des RP eine Lagerung an zentralen Stellen in den Gemeinden vor. Die Tabletten können auch rezeptfrei in Apotheken gekauft werden. Aufgrund der hohen Haltbarkeit ist für den Mediziner Heilmann der Wunsch nach privater Vorsorge nachvollziehbar. Da das Risiko aber in unmittelbarer Umgebung der Kernkraftwerke am höchsten sei, ergebe es dort am meisten Sinn.

Die Fernzone erstreckt sich auf bis zu 100km

Wie groß der Umkreis ist und tatsächlich werden könne, in dem die Katastrophenschutzbehörde eine Einnahme anordnet, muss im Einzelfall entschieden werden. Bis zu 100 Kilometer vom Kernkraftwerk aus erstreckt sich die Fernzone. Dort werden laut RP Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und Schwangere mit Jodtabletten aus zentralen Bundeslagern versorgt. Wichtig ist hierbei: Die Entscheidung kann im Einzelfall abweichen. Daher sollte immer auf Lautsprecherdurchsagen oder Rundfunk geachtet werden.

Innerhalb der Zentralzone um das Kernkraftwerk Leibstadt liegen die Gemeinden Albbruck, Dogern und Teile von Waldshut-Tiengen. Bewohner können sich bereits seit Anfang Dezember kostenlos Jodtabletten bei den Apotheken abholen. Die Verteilung soll voraussichtlich bis zum 28. Februar dauern. Für jede Person unter 45 Jahren wird eine Schachtel ausgegeben.