Corona

Schweden fürchtet keine zweite Welle

André Anwar und dpa

Von André Anwar & dpa

Fr, 23. Oktober 2020 um 09:26 Uhr

Ausland

Die Corona-Lage in Schweden liegt derzeit irgendwo zwischen durchwachsen und relativ gut. Das Land sieht sich auf dem richtigen Weg – doch die Zahlen steigen.

Eine zweite Welle sehen Staatsepidemiologe Anders Tegnell und sein Gesundheitsamt derzeit nicht, obgleich die Zahl der Neuinfektionen steigt. Schweden setzt dennoch weiter auf Empfehlungen statt Verbote. Bereits im Frühjahr galt: keine Masken, kein Lockdown. Schulen, Lokale und Geschäfte blieben offen. Das schonte die Wirtschaft wie neueste Zahlen und Quartalsberichte zeigen. Die Hoffnung war, dass ein gewisses Maß an Herdenimmunität als Nebeneffekt entstehen würde. Das Vorgehen ist umstritten – auch weil das Land im Vergleich zu anderen skandinavischen Staaten eine hohe Zahl von Neuinfektionen und Todesfällen auswies. Zumindest zu Pandemie-Beginn schützte Schweden seine Altenheime nicht genug.

Die Mehrheit der Schweden stand dennoch hinter Tegnells Strategie. Viele hielten sich dabei an die Empfehlungen, so oft wie möglich daheim zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten – vor allem, wenn sie sich krank fühlten. Während Schulen bis einschließlich 9. Klasse offen blieben, gab es frühzeitig digitalen Fernunterricht für die Älteren und die Studenten. Arbeitskräfte, die sich krankmelden, erhalten zudem 80 Prozent des Gehaltes. Während der Pandemie brauchten sie dafür kein Ärzteattest vorlegen.

Schweden hat somit einen weichen, freiwilligen Lockdown durchgeführt, damit die Menschen die Situation auch längerfristig psychisch durchhalten und nicht nach den ersten Lockerungen eines Total-Lockdowns unvorsichtig werden, so der Tenor vom Gesundheitsamt.

"Das Umdenken im Ausland über die schwedische Strategie von sehr kritisch zu mehr Verständnis hat natürlich mit unseren guten und stabilen Zahlen zu tun", sagt Anders Tegnell gegenüber der BZ. "Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen. Die Pandemie hat sich drastisch vermindert bei uns während der letzten Monate, viel schneller als wir dachten. Auch unser Gesundheitssystem war nie überlastet. Nun gehören wir zu den Ländern in Europa mit der geringsten Streuung." Allerdings steigen die Neuinfektionen in Schweden auf derzeit über 900 pro Tag an. Weil sich aber vor allem Jüngere anstecken, bleibt die Todesrate und die Zahl von Corona-Intensivpatienten weiterhin relativ niedrig. Auch wird in Schweden mehr getestet als im Frühjahr. Und: "Die relativ langsame Entwicklung in Stockholm, verglichen mit Madrid, Paris und Mailand deutet vielleicht darauf hin, dass wir eine höhere Immunität in Stockholm haben", sagt Tegnell, "wir glauben zwischen 20 und 40 Prozent."