Selbstkritik als Zeichen der Bereitschaft zur Öffnung?

Felix Lill

Von Felix Lill

Fr, 08. Januar 2021

Ausland

Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un zeigt sich von einer neuen Seite / Sein Land soll um Corona-Impfstoff gebeten haben.

Nordkoreas Regierungschef Kim Jong-un hat sich bisher als starker Mann gegeben. Doch nun, beim laufenden Kongress der Staatspartei in Pjöngjang präsentiert er sich anders. Dabei verträgt sich Selbstkritik kaum mit der Staatsphilosophie.

Wenn Nordkoreas Staatsmedien Kim Jong-un zeigen, sieht er immer aus wie ein harter Kerl. Mal hat er ein Fernrohr in der Hand, um einen Bombentest zu verfolgen. Mal zieht er an einer Zigarette oder steigt cool lächelnd aus seinem persönlichen Zug, der ihn gerade durchs Land fährt. Seine Reden beziehen sich gern auf Produktionsfortschritte, Errungenschaften im Bildungssystem, den US-Imperialismus und den Widerstand, den er und sein Volk dagegen leisten. Wer nur Kim Jong-un zuhört, muss denken, sein Land sei ein gesegneter Flecken Erde.

Diese Woche aber klang der Regierungschef eines der am verschlossensten Länder der Welt, in dem es weder freie Wahlen noch freie Meinungsäußerung gibt, anders. Zum Auftakt des selten stattfindenden Kongresses der Kommunistischen Partei sprach Kim laut einem von Staatsmedien veröffentlichten Redeskript von "Mängeln" und "schweren Lehren" für sein Land. In "fast allen Sektoren" sei Nordkorea "extrem deutlich" hinter den zuvor gesteckten Entwicklungszielen zurückgeblieben. An die 5000 Delegierte hörten einem Diktator zu, der sich in Selbstkritik übte.

Der Parteikongress ist das wichtigste politische Ereignis in Nordkorea, er fand zuletzt vor fünf Jahren statt. Hier wird der Plan für die ökonomische Entwicklung beschlossen, hier werden die außenpolitischen Leitlinien gezogen, hauptsächlich gegenüber den USA und Südkorea. Zugleich dient der Kongress als Anlass zur Bewertung des Erreichten.

Als Kim Jong-uns Großvater und Staatsgründer Kim Il-sung 1993 eingestand, dass Ziele verfehlt worden waren, gab er damals dem Zerfall der Sowjetunion die Schuld. Sein Enkel Kim Jong-un sagte nun, die Gründe seien "sowohl außerhalb als auch innerhalb" des Landes zu finden. Dies, obwohl Beobachter zuletzt davon sprachen, dass der Lebensstandard in Nordkorea gerade in den Städten zugenommen hat. Doch die UN-Sanktionen, die den Handel mit Nordkorea verbieten, sind schmerzhaft für das Land.

Kim Jong-uns Bemühungen, die Korruption zu unterbinden, deuten ebenfalls auf Probleme des nordkoreanischen Staates hin. Nun forderte der Machthaber, die gesamte Wirtschaft weiterzuentwickeln. Als Beispiele nannte er die Bereiche Metall, Elektrizität, Kohle, Chemie, Maschinen und Minen.

Hinzu kommt, dass Nordkorea seit Anfang 2020 zum Schutz vor der Pandemie seine Grenzen zu Russland und China abgeriegelt hat. Von dort sind zuvor Warenlieferungen gekommen, häufig den UN-Sanktionen zum Trotz. So dürfte sich die Mangelwirtschaft in einem der ärmsten Länder verschlimmert haben. Schon im Oktober, als Nordkorea sein 75-jähriges Staatsjubiläum feierte, sagte Kim Jong-un unter Tränen: "Unser Volk hat Vertrauen auf mich gesetzt, so hoch wie der Himmel und so tief wie die See, aber ich bin dabei gescheitert, die Erwartungen zu erfüllen."

Wiederhinwendung zur USA und zu Südkorea möglich

Dabei sollten die Sanktionen sowie die Corona-Pandemie theoretisch kein großes Problem darstellen. Die Staatsphilosophie "Juche", was so viel wie Subjekt oder Autarkie bedeutet, erklärt Unabhängigkeit zum Stützpfeiler des Staates. Der Historiker Leonid Petrov bezeichnet das Juche sogar als Staatsreligion.

Auffallend widersprüchlich wirkt in diesem Zusammenhang die Nachricht, dass Nordkorea laut diplomatischen Quellen dieser Tage um internationale Unterstützung bei der Beschaffung von Impfstoffen gebeten hat. Demnach wünschen sich nordkoreanische Offizielle die Hilfe des privatöffentlichen Netzwerks Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi). Und dies, obwohl Nordkorea offiziell bisher keinen einzigen Fall von Covid-19 verzeichnet.

"Kim scheint verstanden haben, welche ernsthaften Probleme es in Nordkoreas Gesellschaft selbst gibt", sagte Lim Eul-chul, Professor für Nordkoreastudien im südkoreanischen Changwon. In Kims Äußerungen liest Lim: "Es lässt sich ein Wille beobachten, die Bevölkerung zu befrieden und praktische Maßnahmen für sie zu ergreifen." Die Bitte um Hilfe von außen lässt sich als Eingeständnis interpretieren, dass Nordkorea ohne teilweise Eingliederung in die Welt kaum das Entwicklungsniveau anderer Länder in der Region erreichen wird. In einem Land, in dem laut Vereinten Nationen jeder zweite Mensch unterernährt ist, müssten es drastische Maßnahmen sein, die Kim ergreift. Eine könnte eine Wiederhinwendung zu den USA und zu Südkorea sein. Eine Annäherung wurde oft versucht und scheiterte stets. Diesmal könnten die Vorzeichen andere sein: Einen selbstkritischen Diktator gab es bisher nicht.