Sich Hand in Hand begegnen

Ansgar Taschinski

Von Ansgar Taschinski

Mi, 17. Juli 2019

Lörrach

In der Gesprächsreihe "Zukunft ist jetzt!" im Werkraum Schöpflin war die Hamburger Dramaturgin Uta Lambertz zu Gast.

LÖRRACH-BROMBACH. Bei der Gesprächsreihe "Zukunft ist jetzt! Impulse für eine zeitgemäße Bildung" des Werkraum Schöpflin ging es am Montag um "Begegnungen". Dramaturgin Uta Lambertz des Hamburger Produktionshauses Kampnagel stellte Projekte vor und ließ Besucher einander auf ungewohnte Weise näherkommen. Diskutiert wurde, was Begegnungen ausmache, wo sie stattfinden, wie sie gelingen können.

Wieder einmal präsentierte sich der Werkraum Schöpflin am Montagabend als einer der Orte mit den spannendsten Veranstaltungsformaten in der Region und mit Strahlkraft weit darüber hinaus. Zu Gast war diesmal Uta Lambertz, mitverantwortlich für Dramaturgie und strategische Kooperationen im Kulturhaus Kampnagel in Hamburg, dem größten internationalen Produktionshaus für die freien darstellende Künste in Europa.

Bereits in seiner Entstehung sei Kampnagel stets auch ein Ort zivilen Ungehorsams und künstlerischer Selbstermächtigung gewesen, so Lambertz. Kunst sei hierbei mehr als Konsum und Hochkultur, sondern schließe auch gesellschaftspolitische Fragen mit ein. Mit genreübergreifenden Performances sei man hier stets auch daran interessiert, gesellschaftliche Machtstrukturen zu diskutieren, zu hinterfragen und hierbei auch Begegnungen zu ermöglichen.

Lambertz präsentierte stellvertretend Projekte des Produktionshauses aus den vergangenen Jahren. So etwa das Projekt Migrantpolitan, bei dem ein Gebäude auf dem Kampnagel-Gelände temporär als Wohn- und Begegnungsort für Geflüchtete umgestaltet worden war. Sie nannte auch die Choreographie "Emergenz" von Jose Vida und der Kompanie Cía, bei der professionelle wie Laien-Tänzer gemeinsam ein Stück auf die Bühne gebracht hatten, stets zwischen fester Choreographie und Improvisation. Zudem die Aktion "Walking Holding" der britischen Performancekünstlerin Rosana Cade. Mit einem lokalen Performer konnte das Publikum damals Hand in Hand einen Spaziergang durch Hamburg unternehmen, mit der Idee, die eigene Stadt aus der Perspektive eines anderen kennenzulernen und zugleich ungewohnt körperliche Nähe mit einem oder einer Fremden zu spüren.

Diese Erfahrung durften dann auch die etwa 15 Besucherinnen und Besucher des Werkraum Schöpflin an diesem Abend machen. Lambertz forderte die Besucher auf, zu zweit für 15 Minuten Hand in Hand durch Brombach zu laufen. Mann mit Mann, Frau mit Frau, Jung mit Alt, ging es so paarweise los – sich unterhaltend, kennen lernend und stets die Hand des Partners oder der Partnerin fest im Griff.

Als "spannend" und "ungewohnt" beschrieben die Besucherinnen und Besucher das Erlebnis im Anschluss. So sei durch den Körperkontakt eine viel größere Nähe entstanden als nur durch ein Gespräch. Zugleich sei es am Anfang durchaus aufregend gewesen, eine Hürde, die man erst einmal überwinden musste. Dann aber sei das Gespräch viel schneller deutlich persönlicher geworden als ohne Körperkontakt.

Was eine Begegnung kennzeichne, wollte Constanze Wehner, Programmleitung Schule und Entwicklung der Schöpflin Stiftung und Moderatorin des Abends, wissen. Es brauche auf jeden Fall Mut, auf Fremde zuzugehen und die Ungewissheit der Begegnung in Kauf zu nehmen, so eine der Anwesenden. Auch Offenheit gegenüber der anderen Person sei wichtig. Reden alleine mache noch nicht unbedingt eine Begegnung aus. Als Orte der Begegnung wurden unter anderem Kinderspielplätze und der Wochenmarkt genannt, aber auch der Friedhof sei ein solcher Ort, sagte einer der Besucher. Zum Teil sei es sogar schon der kurze Blickkontakt zwischen zwei Radfahrern an der Kreuzung, so ein anderer. Auch an allen Orten, an denen Kultur erlebbar sei, finde Begegnung statt, so Birgit Degenhart, Leiterin des Werkraum Schöpflin. Essen, spielen, schauen, rezipieren seien für sie Akte der Begegnung, so Uta Lambertz; Tätigkeiten bei denen Menschen auf etwas Ähnliches gerichtet seien. Zugleich brauche es auch die Bereitschaft sich zu treffen.

Für den Moment des Projekts sei die Begegnung real, nicht mehr Zukunftsmusik, so Lambertz. Dabei verändere sich auch der Blick auf die Welt. Man begegne sich auf Augenhöhe, lerne gemeinsam. Letzten Endes blieben die Erfahrungen dieser Begegnung auch über die gemeinsame Zeit hinaus bestehen und mit ihnen eine andere Sichtweise auf die Welt.