Britischer Gast

Simon Johnson setzt bei den Internationalen Orgelkonzerten in St. Peter einen würdigen Schlusspunkt

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 04. September 2019 um 15:12 Uhr

St. Peter

Simon Johnson, Hauptorganist der St. Pauls Cathedral in London, beendete die Internationale Orgelkonzertreihe 2019 in der Barockkirche St. Peter.

Vor voll besetzten Bankreihen begrüßte Bezirkskantor Johannes Götz launig den britischen Gast als "Brexit-Organisten", der sonst neben vielen anderen Verpflichtungen "auch oft vor gekrönten Häuptern wie der Queen spielt". Sein Programm sei hauptsächlich auf die Orgelmusik von Bach ausgerichtet, berge jedoch auch einige Überraschungen.

Johnson, der zur Elite der internationalen Organisten zählt, begann einstweilen mit der "Fantasia and Fugue in G major" von Charles Hubert Hastings Parry. Deren machtvoll anschwellender Beginn mit vollen Registern mündete in einfühlsame, zurückgezogene Töne, um sich erneut opulent auszudehnen. Das grandios vorgetragen Stück erforderte Johnsons ganzes technisches Können, insbesondere für die schnellen Bassläufe über die gesamte Breite der Pedale.

Der zweite Konzertteil widmete sich dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach. Diese Sammlung von Beispiel-Choralvorspielen für angehende Organisten komponierte Bach teilweise im Gefängnis, in das ihn 1717 sein beherrschender Feudalherr, der Herzog Wilhelm Ernst von Weimar, wegen Halsstarrigkeit vier Wochen lang gesperrt hatte. Johnson hatte sich für die relativ kurzen Vorspiele der Choräle "Liebster Jesu" und "Wer nur den lieben Gott lässt walten" entschieden. Künstlerisch weit über einfacher Kirchliedeinleitung angesiedelt, eignen sich die Vorspiele durch ihre eigenständige musikalische Sprache vorzüglich für den konzertanten Vortrag. Ursprünglich waren 164 Choralvorspiele geplant, von denen Bach freilich nur 46 komponiert hat. Diese große Lücke füllte das "Orgelbüchlein-Projekt" unter Federführung des Organisten William Whithead, in dem verschiedene zeitgenössische Komponisten in einem Gemeinschaftsprojekt ihre Beiträge dazu leisteten.

Simon Johnson wählte das Vorspiel für den Choral "Nun ruhen alle Wälder" von Jacques van Oortmeersen und seine eigene Komposition für den Choral "Wohl dem, der in Gottes Furcht steht" aus. Beide Interpretationen erinnerten strukturell mit ihren sich permanent wiederholenden, kaum variierten musikalischen Phrasen ohne kontinuierlichen Spannungsaufbau stark an die Minimal Music eines Philip Glass und kontrastierten dadurch stark mit den Bachschen Vorschlägen. Voller Kraft in der dafür optimal geeigneten Tonart präsentierte Johnson den "Choral Nr. 1 in E-Dur" von César Franck. Für die verschiedenen Themenvariationen nutzte der Virtuose die zahlreichen Registrierungsmöglichkeiten der beiden Orgeln der Barockkirche weidlich aus und trieb die Stückdynamik mitreißend hin auf den triumphalen E-Dur Schlussakkord.

Kaum erholt von dieser Erschütterung, erlebten die Zuhörer gleich das nächste Wechselbad der Gefühle. Der zweite Satz der "Sonate in a-moll" Adagio espressivo von William Harris begann leise gefühlvoll-melancholisch mit feinsinnigen Register-Kombinationen, um sich mehrfach in schmetternde, lautstarke Passagen zu verwandeln und umgekehrt. Wie eine Klammer beendete ein ruhiger Schluss mit einem leisen, aber unvergesslichen Schlusston dieses eindringliche Werk.

Den glanzvollen Schlusspunkt setzte der nach Johannes Götz "große Wurf" der "Fantasie und Fuge in g-moll" von Bach. Die diskursive in Rede und Gegenrede gehaltene Struktur der Fantasie wurde in der Interpretation von Johnson dramaturgisch streng beachtet und der offene moll-Schluss der musikalischen Debatte hinterließ so viel Ratlosigkeit, dass die Auf- oder besser die Erlösung in der abschließenden Fuge umso befreiender wirkte. Ein großes Konzert eines großen Könners mit entsprechend enthusiastischem Beifall.