Für immer Kind?

So finden Erwachsene einen entspannten Umgang mit ihren Eltern

Sandra Markert

Von Sandra Markert

Di, 12. Oktober 2021 um 19:15 Uhr

Liebe & Familie

Kinder sind sehr abhängig von ihren Eltern. Das prägt die Beziehung ein Leben lang – und kann im Erwachsenenalter zu Konflikten führen. Wie lässt sich ein gesundes Nähe-Distanz-Verhältnis aufbauen?

"Kannst du noch den Arzttermin ausmachen?" "Ich brauche Tomaten." "Wann hängt ihr meine Bilder auf?" Ständig ploppten auf Tina Bielers (Name geändert) Handy im Dezember solche Nachrichten von ihrer Mutter auf. Die 76-jährige Berlinerin hatte sich dazu entschlossen, in die Nachbarschaft ihrer einzigen Tochter und ihres siebenjährigen Enkels nach Stuttgart zu ziehen. Und eigentlich hatten sich alle darauf gefreut. "Aber diese Forderungen und das ständige Gefühl, ihr nichts recht machen zu können, waren echt schlimm", sagt Tina Bieler. Statt viel Zeit mit dem Enkel zu verbringen und sie damit zu entlasten, hatte Tina Bieler mit ihrer Mutter plötzlich eine zusätzliche Last zu tragen. "Man muss dazu wissen, dass meine Mutter geistig wie körperlich topfit ist und die letzten 20 Jahre wunderbar allein zurechtkam."

Die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern sind in den vergangenen 20 Jahren immer enger geworden – zumindest geografisch betrachtet. Rund 20 Prozent der jungen Erwachsenen leben heute bis zum 30. Lebensjahr mit den Eltern unter einem Dach – das sind mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 1980. "Junge Menschen brauchen heute deutlich länger, um ihre Identität zu entwickeln und erwachsen zu werden. Es ist eine neue Lebensphase entstanden, die wir ’emerging adulthood’ nennen", sagt Inge Seiffge-Krenke, Professorin für Psychologie an der Universität Mainz, die diese Lebensphase in Studien untersucht hat.

Lange Ausbildung, unsichere JobsZiehen die erwachsenen Kinder dann mal aus, dann gern irgendwann auch wieder in die Nähe der Eltern – oder diese ziehen den Kindern und Enkeln hinterher. 80 Prozent der Eltern ab 50 Jahren haben mindestens ein Kind, das nicht weiter als 20 Kilometer von ihnen entfernt wohnt. Das sind Ergebnisse der größten Familienstudie Deutschlands, Pairfam.

Kinder bleiben länger im Haushalt ihrer Eltern wohnen

"Kinder machen sich heute viel länger von ihren Eltern abhängig als früher und Eltern beeltern ihre Kinder viel länger", sagt Psychologin Seiffge-Krenke. Die Gründe dafür sind vielfältig: Auf der Seite der Kinder spielen finanzielle Aspekte wie lange Ausbildungszeiten und unsichere Jobs eine große Rolle, später die Unterstützung für die Betreuung der eigenen Kinder wegen doppelter Berufstätigkeit. Auf Seiten der Eltern beobachtet die Psychologin vor allem ein Motiv: Die wenigen Kinder, die man heute noch sehr bewusst bekommt, dienen vielen dazu, ihren eigenen Selbstwert zu steigern – und das möchten die Eltern sich möglichst lang bewahren. "Wie Schneepflüge fahren sie vor ihren Kindern her, um möglichst alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, damit die Kinder gut geraten", sagt Inge Seiffge-Krenke.

Tina Bieler hat mit ihrer Mutter zusammen gewohnt, bis sie 25 Jahre alt war. "Das war während meines Studiums einfach eine günstige Möglichkeit, obwohl wir uns immer viel gezofft haben." Als Tina Bieler erst ins Ausland und später nach Stuttgart gezogen ist, hat sie gemerkt, wie ihr Leben deutlich ruhiger wurde, selbstbestimmter. Nun stand die eigene Familie im Mittelpunkt.

20 Jahre später fand sie die Idee schön, die Mutter wieder näher bei sich und dem Enkel zu haben. "Man weiß ja nie, wie viel gemeinsame Zeit man noch vor sich hat", sagt Tina Bieler. Außerdem hatte sie nun längst ein eigenständiges Leben und hoffte, der Mutter mehr auf Augenhöhe begegnen zu können, erwachsener, spannungsfrei. Doch schon am Tag des Umzugs merkte sie, dass die 20 Jahre Leben auf Abstand nichts an der Beziehung geändert hatten. "Meine Mutter hat eine sehr bestimmende Art. Wie früher habe ich mir wieder überlegt, wie ich mich am besten verhalte, um es ihr möglichst recht zu machen." Wie früher gelang ihr das kaum. Die Whatsapp-Nachrichten kamen schneller, als sie diese beantworten, geschweige denn die darin geäußerten Wünsche erfüllen konnte.

"Man bleibt Zeit seines Lebens Eltern und Kind." Sascha Schmidt, Familienberater
"Der Grundstein dafür, wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern später einmal sein wird, wird in den ersten Lebensjahren des Kindes gelegt. Und die gemeinsame Historie begleitet einen dann ein Leben lang", sagt Sascha Schmidt, Paar- und Familienberater aus der Nähe von Kiel. Zwar sei es mit viel Zeit und Geduld durchaus möglich, etwas am Verhältnis zueinander zu ändern. "Schließlich sind wir Menschen bis zum Tod lern- und anpassungsfähig." Was sich aber nicht ändern lasse, sei die besondere Art der Beziehung. "Man bleibt Zeit seines Lebens Eltern und Kind."

Und diese Beziehung bringt – anders als Partnerschaften oder Freundschaften – einige Besonderheiten mit sich: So kann man sich weder seine Eltern noch seine Kinder aussuchen, die Beziehung auch niemals wirklich beenden. Und man kann sich in der Eltern-Kind-Beziehung Sascha Schmidt zufolge auch nie auf Augenhöhe begegnen. Der Grund: In den ersten Lebensjahren sind Kinder extrem abhängig von ihren Eltern. Dieses Machtverhältnis prägt die Beziehung ein Leben lang.

Eltern müssen ihre Kinder loslassen können

Der Wunsch vieler erwachsener Kinder, zu den Eltern ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen, ist wegen dieses Machtverhältnisses also grundsätzlich zum Scheitern verurteilt, sagt Familienberater Sascha Schmidt. Stattdessen gelte es zu akzeptieren, dass man Kind bleibe – die Dosis dieses Kindseins könne man aber sehr wohl selbst bestimmen.

"Man muss es schaffen, sich ein gesundes Nähe-Distanz-Verhältnis aufzubauen", sagt Psychologin Seiffge-Krenke. Kindern könne das nur gelingen, wenn sie Abhängigkeiten von den Eltern möglichst vermieden. "Das gilt beispielsweise auch für eine Kinderbetreuung durch die Großeltern, wenn ich merke, dass das zu Konfliktstoff führt", sagt Sascha Schmidt.

Die Hauptverantwortung für ein gutes Verhältnis aber liegt Schmidt zufolge bei den Eltern. Weil sie die überlegene Rolle in der besonderen Beziehung zu ihren Kindern Zeit ihres Lebens behalten, müssten sie sich auch vorrangig darum kümmern. "Wenn sich das Kind ihrer Meinung nach zu wenig meldet, müssen sie anrufen und nicht auf einen Anruf warten. Wenn sie merken, dass die Stimmung angespannt ist, müssen sie das ansprechen und nicht warten, bis das Kind das Gespräch sucht", sagt Schmidt.

"Statt zu helikoptern, muss ich die Kinder räumlich, finanziell und emotional in die Selbstständigkeit entlassen." Inge Seiffge-Krenke, Psychologin
Vor allem aber müssen Eltern ihre Kinder erst einmal wirklich loslassen, bevor sich eine neue, erwachsenere Beziehung überhaupt aufbauen kann. "Statt zu helikoptern, muss ich die Kinder räumlich, finanziell und emotional in die Selbstständigkeit entlassen", sagt Inge Seiffge-Krenke. In ihren Studien konnte sie zeigen, dass Familien, in denen es in der Pubertät zu starken Reibereien und damit verbundenen Ablösungen kam, im Erwachsenenalter einen harmonischeren Umgang miteinander hatten als solche, die immer nur sehr eng und ohne Abgrenzung miteinander lebten.

Auch Tina Bieler merkte nach wenigen Wochen mit der Mutter in der Nachbarschaft, dass sie Grenzen ziehen muss, um ihr eigenes, selbstständiges Leben nicht zu verlieren. "Ich habe ihr erklärt, was wir in unserem Alltag für sie leisten können und was nicht, und dass sie mir mit der Betreuung meines Sohnes nur hilft, wenn ich das verlässlich einplanen kann", nennt Tina Bieler zwei Beispiele. Ihre Mutter habe darauf erstaunlich gelassen und verständnisvoll reagiert, die Nachrichtenflut auf dem Handy versiegte von einem Tag auf den anderen – zumindest kurzzeitig.
Buchtipp

Sascha Schmidt: Melde dich mal wieder. Wenn erwachsene Kinder ihre Eltern meiden. Humboldt Verlag, Hannover 2021. 200 Seiten, 19,99 Euro