Songs wie erratische Körper

Bernhard Amelung

Von Bernhard Amelung

Di, 18. Juni 2019

Rock & Pop

Der US-Amerikaner Flying Lotus war zu Gast in Basel.

Der englische Schriftsteller Lewis Carroll hat recht. Sein "Land hinter den Spiegeln" gibt es tatsächlich. Das Kunstmuseum Basel hat es vergangenen Samstag zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe "On" im Untergeschoß seines Neubaus entstehen lassen. Sie soll in Zukunft stets während der Kunstmesse Art Basel stattfinden. So wie Alice in Carrolls 1871 unter dem Titel "Through the Looking-Glass" erschienenen Roman kommt auch der Besucher in Basel durch einen Spiegelgang in eine Art Wunderland. Es ist ein dunkler Raum im Raum. Bühne, Leinwand und kreisförmige, arenaartig ansteigende Stufen schließen ihn zu den Seiten hin ab. Dem Besucher erscheinen dort zwar weder sprechende Schachfiguren noch strickende Schafe. Dafür die flüchtigen Bildwelten des New Yorker Digitalkünstlers Ezra Miller. Seine geometrische Figuren verformen sich kaleidoskopisch zu Fantasiestädten oder nehmen menschenähnliche Gestalt an. Ein psychedelischer Trip, der den Sound der Musiker, darunter Ambient-Altstar Michal Turtle, Techno-DJ Laurel Halo und Electronica-Musikerin Aïsha Devi, perfekt ergänzt.

Um die Spielzeit von Flying Lotus, Stargast des Abends, herrscht von Anfang an Geheimniskrämerei. Das ist auch gut so. Es erzieht das Publikum, den Abend als Ganzes auf sich wirken zu lassen. 1983 als Steven Ellison im San Fernando Valley in Kalifornien geboren, führt Flying Lotus die Königsklasse der Beat-Szene seiner Heimatstadt Los Angeles an. Sie hat namhafte Produzenten wie Nosaj Thing, Daedelus, Shlomo und den Funk-Bassisten Thundercat hervorgebracht. Mit Letzterem, der sonst auf den Namen Stephen Lee Bruner hört, arbeitet Ellison seit seinem Album "Cosmogramma" zusammen. Das ist 2010 erschienen. Auf seinem aktuellen Album "Flamagra" finden sich so illustre Gastmusiker wie David Lynch und Solange Knowles ein. Ellison, ein Großneffe der Jazzmusikerin Alice Coltrane und Enkel von Marilyn McLeod, die Songs für Diana Ross geschrieben hat, zerlegt Jazz, Funk, Soul und HipHop nach Herzenslust in ihre atomaren Bestandteile. Diese nimmt er und baut daraus sein eigenes Periodensystem der Genre. Bei seinem Live-Auftritt verfremdet er sie mit Effektgeräten. Seine Songs stehen im Raum wie erratische Körper, übergroß und wuchtig. Sie brauchen Raum zum Nachwirken. Diesen kann am Ende nur die Stille bieten.