Souveränität der Nichtzustimmung

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Do, 19. Mai 2022

Literatur & Vorträge

Der Lyriker Dinçer Güçyeter erhielt den Peter-Huchel-Preis 2021.

"G - - - G - - - G". Die gebrochene Sprache, wie man sie dem Lyriker einst attestierte, setzte Dinçer Güçyeter an den Beginn seiner Dankesrede. Als er am Mittwoch im Staufener Stubenhaus den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik erhielt, erinnerte sich an eine ältere Episode. Der Dichter, Verleger und Theatermacher vom Niederrhein wollte seinen Sohn aus dem Kindergarten abholen. Er fand ihn stammelnd auf der Toilette. Das Kind hatte nicht nach ihr fragen können – und sich dorthin verkrochen, als es zu spät war.

War es derselbe Sohn, mit dem der Vater im Wechsel eins seiner Gedichte vorlas – am Beginn einer sehr emotionalen Preisverleihung? Von einer "Reise in der Hosentasche" nach Anerkennung sprachen diese ersten Texte, mit denen Güçyeter in jungen Jahren stets abgewiesen wurde. Von "kalten" Händen, die er schüttelte, von Selbstzweifeln, von Ängsten – und eben einer gebrochenen Sprache. Aber auch von Szenen, in denen der Vater zuhause mit buntem Tanga zu Melodien tanzt. Und der Sohn heiter feststellte: "Wenn du tanzt, Papa, siehst du aus / wie ein geiles Nashorn."

"Wow!", entfuhr es SWR-Intendant Kai Gniffke, der Güçyeter nach seiner einerseits tieftraurigen, andererseits erheiternden und fulminanten Performance den vom Land Baden-Württemberg mit dem SWR gestifteten Preis verlieh – für seinen Gedichtband "Mein Prinz, ich bin das Ghetto". Gniffke nannte den türkischstämmigen Dichter, der unsere Gegenwart mit seiner ganz eigenen Geschichte verbinde, "sehr, sehr preiswürdig". Die Literaturkritikerin Insa Wilke wies auf die mit wenigen Versen erzeugte "große Komplexität" der Gedichte hin und rühmte ihre "enorme Souveränität der Nichtzustimmung". Die narrativen Zusammenhänge der Poeme, in die Güçyeter seine ganze Familie einbezieht, fügten sich wie zu einem Sternbild. Wilke thematisierte auch das Gespräch des Lyrikers mit deutsch-jüdischen Dichtern wie Else Lasker-Schüler und Paul Celan.

Bedeutsam für seine Entwicklung als Lyriker nannte Güçyeter auch Autoren wie Kavafis, Rilke oder Octavio Paz. In ihren Gedichten habe er sich auf der Suche nach einer "gemeinsamen Wunde" erstmals verstanden gefühlt. Wogegen ihm die Literaturszene statt der Hand nur eine "eiskalte Feile" in selbige drückte.

Doch "aus dieser Glut habe ich den Prinzen geschmiedet", so Güçyeter. Mit bewegt-bewegenden Worten widmete er den Preis seinen Eltern, der Gattin und dem Bruder, den Freunden auch und den Kollegen.