Spaniens totes Meer

Martin Dahms

Von Martin Dahms

Sa, 11. September 2021

Panorama

Das Mar Menor an der Mittelmeerküste ist einmal mehr umgekippt – die Fische verenden tonnenweise.

. In Europas größter Salzwasserlagune sterben massenhaft Fische und anderes Meeresgetier. Verantwortlich sind intensive Landwirtschaft und schlechte Politik. Es ist nicht das erste Mal, dass das Mar Menor kollabiert – die Regionalregierung hat lange tatenlos zugesehen.

Im Mar Menor hat das große Sterben eingesetzt, nicht zum ersten Mal. Zu beklagen sind in den vergangenen beiden Wochen große Mengen toter Fische und anderer Meerestiere. Von fünf Tonnen war anfänglich die Rede. Pedro García von der lokalen Naturschutzgruppe Anse ist misstrauisch, den offiziellen Zahlen glaubt er nicht. "Wir hoffen, dass die Regionalregierung eingestehen wird, dass die wirkliche Zahl etwa doppelt so hoch ist", sagt er im Gespräch mit der Netzzeitung eldiario.es.

So oder so ist es ein Desaster. Das Mar Menor (wörtlich: Kleineres Meer) ist eine 180 Quadratkilometer große Lagune, ein See aus Salzwasser, der vom Mittelmeer durch eine 22 Kilometer lange Landzunge aus Sand abgetrennt und mit ihm nur durch eine schmale Meerenge verbunden ist. Seit den 1960er Jahren verbringen hier vor allem spanische Touristen gerne ihren Sommerurlaub. Die Landzunge La Manga (Der Ärmel) ist komplett mit Hotels und Ferienhäusern zugebaut, große Teile der restlichen Küste sind es auch. Nirgendwo finden die Menschen ein solch ruhiges Meer wie hier und das Wasser ist warm und klar. Normalerweise.

Dass eines Tages ein Unglück eintreten würde, war schon vor vierzig Jahren absehbar. Im Jahr 1979 eröffnete eines der gewaltigsten Infrastrukturprojekte des 20. Jahrhunderts in Spanien: der Überlandkanal vom Tajo im Herzen Kastiliens zum Segura in der Mittelmeerprovinz Murcia. Er war heiß ersehnt worden: Er sollte endlich Wasser aus dem Norden in den trockenen Südosten bringen. Er tat es auch. Und mit dem Wasser brachte er Wohlstand. Und ökologische Probleme. Zwei Ingenieure schrieben 1980 in einem Fachartikel, ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche in der Nähe des Mar Menor werde nun sicherlich künstlich bewässert werden und damit werde auch der Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger steigen. "Deren Einfluss auf das ökologische Gleichgewicht des Mar Menor kann fundamental sein", schrieben sie.

Und genauso kam es. Der Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger in der Landwirtschaft ist ein Segen für die Menschheit, der manchmal zum Fluch wird. Was die Bauern aufs Feld tun, soll ihren Pflanzen zugutekommen, aber es gibt immer einen Überschuss, der im Grund- und Oberflächenwasser landet – im konkreten Fall im Mar Menor, wo er Algen ein willkommener Nährstoff ist, so sehr, dass sie der Meeresfauna den Sauerstoff zum Atmen nehmen. Die Lagune kippt um.

Das ist schon einmal 2016 passiert, zwei Mal im Laufe des Jahres 2019 und diesen Sommer wieder, katastrophaler als in der Vergangenheit. Die verantwortliche Regionalregierung von Murcia hat lange tatenlos zugeschaut, wahrscheinlich auch deswegen, weil der Gemüseanbau im Campo de Cartagena – so heißt das Anbaugebiet beim Mar Menor – ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Region ist. Im vergangenen Sommer endlich erließ sie ein "Gesetz über die Erholung und den Schutz des Mar Menor", das 75 Seiten und 86 Artikel umfasst.

Die lokalen Naturschützer haben jedenfalls den Eindruck andauernder Tatenlosigkeit. "Es geht alles sehr langsam voran", klagt Pedro García. Spaniens nationale Regierung hat immerhin ermittelt, welche Gemüseanbauer in der Gegend ihre Ländereien illegal bewässern. Das betrifft etwa zehn Prozent der dortigen landwirtschaftlichen Fläche, die so schnell wie möglich wieder auf Trockenlandbau umgestellt werden sollen.

Die Regionalregierung verspricht andererseits, den Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger in direkter Nachbarschaft des Mar Menor zu untersagen. Helfen wird das erst in der Zukunft. Jetzt aber stinkt das Mar Menor und die Fische sterben.