Wenn das Spiel nur Staffage ist

Heinz Wittmann

Von Heinz Wittmann

Fr, 14. Februar 2020

Schwenningen Wild Wings

Vor Ort bei einem NHL-Heimspiel in Florida: Wer 150 Euro pro Partie bezahlt, will Spaß und Bier statt nur Eishockey.

TAMPA. Die NHL gilt im Eishockey als "Mutter aller Ligen". Doch nicht nur der Sport, auch das "Drumherum" ist anders als in der DEL, etwa in Schwenningen. In der National Hockey League (NHL) wird seit 1917 um die begehrteste Trophäe im Eishockey, den Stanley-Cup, gespielt. Der in Villingen-Schwenningen geborene Profi Dennis Seidenberg gewann 2011 den "Pott" und machte sich in der schnellsten Mannschaftssportart der Welt unsterblich.

Seidenberg hat inzwischen seine großartige Karriere bei den New York Islanders ausklingen lassen und beendet. Der Schwarzwälder lebt mit seiner Familie in New York und ist weiterhin für die Islanders tätig, trainiert beispielsweise mit rekonvaleszenten Spielern, um sie wieder aufzubauen und fit zu machen. Und Seidenberg nimmt sich junger Spieler an. So ließ er den kommenden NHL-Superstar Matthew Barzal bei sich wohnen. Barzal (22) ist schon jetzt der Leader und Topscorer der Islanders. Jetzt gastierten die Islanders bei den Tampa Lightning, dem Ex-Klub von SERC-Stürmer Mike Blunden.

Mit dabei im Stadion in Florida war auch BZ-Mitarbeiter Heinz Wittmann, der die Länderspielpause in der DEL zu einem Kurztrip nach Florida nutzte. Die beiden deutschen Spieler im Kader der New Yorker, Torwart Thomas Greiss und Stürmer Tom Kühnhackl, bekam er aber nur beim Warmlaufen zu sehen. Im Tor erhielt der Russe Semyon Varlamov den Vorzug vor dem in Füssen geborenen Greiss. Der Landshuter Kühnhackl, der weiterhin um einen Stammplatz in der NHL kämpfen muss, wurde aus dem Kader für das Spiel gestrichen.

Millionengehalt für einen "billigen" Spieler

Anders als bei den DEL-Spielen in Deutschland, gibt es in USA und Kanada keine Stehplätze und Fankurven und somit auch keine klassischen Fangesänge. Die Atmosphäre wird teils über Videowürfel inszeniert, die Zuschauer werden mit der Aufforderung "make noise" (macht Lärm) zum mitmachen animiert. Vor jedem Spiel wird die Nationalhymne gespielt. Der Patriotismus in den USA ist groß. In den zahlreichen "Powerbreaks" genannten Werbeunterbrechungen, die inzwischen auch nach Europa übergeschwappt sind, werden beispielsweise Veteranen geehrt, die in der Armee gedient haben. Da erhebt sich dann auch ohne Anweisung das Publikum und applaudiert den Soldaten, mindestens so laut, wie wenn die Heimmannschaft ein Tor schießt. Es gibt Gewinnspiele, bei denen die Teilnehmer selbstverständlich immer die richtige Antwort parat haben. Die "Kiss Cam", die "Dance-Cam" und die "Drum-Cam" sorgen für gut gemachte und teils wirklich witzige Shows.

All jene Zuschauer, die sich nicht sonderlich für das Eishockey selbst interessieren – und davon gibt es jede Menge – fühlen sich in den Werbeunterbrechungen beinahe besser als vom Spiel unterhalten. Für Amerikaner ist so ein Spiel kein Sportereignis, sondern ein "Event". Es ist verpönt, sich die ganzen 60 Minuten auf seinem (teuren) Sitzplatz aufzuhalten – ein Ticket hinter dem Tor im Unterrang kostet mindestens 150 Dollar. Mein amerikanischer Nebensitzer Norbert verschwindet irgendwann im ersten Drittel, um Mitte des zweiten Drittels wieder aufzutauchen. "Ich zahle so viel Geld hier, da will ich das Ereignis auch richtig genießen", sagt Norbert und verrät grinsend, dass er sich in Ruhe ein Bier gegönnt hat. Die Dose kostet in der Amalie-Arena schlappe 17,25 Dollar, umgerechnet also knapp 16 Euro.

Die Tampa Bay Lightning gewannen übrigens beide Spiele, gegen die Pittsburgh Penguins um ihren Super-Star Sidney Crosby mit 4:2 und gegen die Islanders mit 3:1. Die imposante Amalie-Arena, die mit 19 000 Zuschauern praktisch immer ausverkauft ist, leert sich schon eine Minute vor Spielschluss, als Lightning-Idol Steven Stamkos in den verwaisten New Yorker Kasten trifft. Nach der Partie habe ich noch die Möglichkeit, Lightning-Verteidiger Braydon Coburn kurz zu treffen. Nicht nur die 1,96 Meter des kanadischen Abwehrmanns beeindrucken mich, auch sein Jahresgehalt. Anders als in der DEL, sind in der NHL die Gehälter öffentlich und leicht zu recherchieren, 1,8 Millionen Dollar bekommt Coburn in dieser Saison. Er ist damit aber eher ein "billiger" Spieler; der deutsche Topmann Leon Draisaitl bringt es in der NHL auf neun Millionen Dollar Jahresverdienst, sein Sturmkollege Connor McDavid von den Edmonton Oilers auf 14 Millionen. Das Durchschnittsgehalt eines Spielers in der DEL liegt zwischen 70 000 und 75 000 Euro netto.

Sportliche Unterschiede, die mir zwischen der NHL und der DEL aufgefallen sind: Die Torhüter sind in der NHL durchweg extrem stark. Die Powerplays sind in der Regel sehr gefährlich und die Verteidiger haben fast alle einen guten Schuss. Immer zum Spielende geben die Teams so richtig Gas, während zwischendurch meist auch mal etwas Dampf rausgenommen wird. Angesichts von "schlappen" 82 NHL-Hauptrundenspielen pro Saison durchaus nachvollziebar.