Nicht mehr "Vizekusen"

dpa

Von dpa

Sa, 04. Juli 2020

1. Bundesliga

Leverkusen will im Pokalfinale der Männer gegen Bayern das Image des ewigen Zweiten loswerden.

Der FC Bayern greift am Samstag nach dem nächsten Titel. Nach der deutschen Meisterschaft wollen die Münchner mit dem Pokalsieg im Olympiastadion das Double verteidigen. Endspielgegner Bayer Leverkusen möchte nach 27 trophäenlosen Jahren endlich wieder etwas gewinnen. Damals wurde die Werkself Pokalsieger.

Den DFB-Pokal vor Augen wies Manuel Neuer vor dem Cup-Finale zwischen seinem FC Bayern München und Bayer Leverkusen mit Wehmut auf den Abschluss einer sorgenreichen Saison im deutschen Fußball hin. "Das wird auch für mich eine Lebenserfahrung sein", sagte er vor dem Endspiel im leeren Olympiastadion. Ohne Rahmenprogramm wollen die Protagonisten das in über 160 Länder übertragene Finale trotzdem zu einem Spektakel werden lassen.

Beim Abschlusstraining der Teams in der traditionsreichen Spielstätte waren die am Samstag (20 Uhr/ARD und Sky) leeren Fankurven schon in Vereinsfarben dekoriert. "Schreibt Geschichte" war in großen Buchstaben im Leverkusener Block zu lesen. "Schon als man als kleiner Junge mit dem Kicken angefangen hat, wollte man Titel holen, wollte man gewinnen", drückte Bayer-Kapitän Lars Bender seine Sehnsucht aus. Nach 27 trophäenlosen Jahren will Leverkusen endlich wieder etwas gewinnen – und nach acht zweiten Plätzen das belächelte "Vizekusen"-Image ablegen.

Die Werkself kennt als eine von zwei Mannschaften überhaupt das Gefühl eines Sieges über die Flick-Bayern. Doch der große Favorit vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw – der erstmals in der Geisterspiel-Ära wieder ins Stadion darf, dort den neuen Bayern-Star Leroy Sané aber noch nicht spielen sieht – ist der Rekordcupsieger aus Bayern. Der 20. Pokalerfolg und das 13. Double sollen her. "Wir versuchen alles, dass wir das Double wieder nach München holen", sagte Hansi Flick vor seinem ersten Endspiel als Chefcoach. Flick könnte sich wie Pep Guardiola im Jahr 2014 gleich in seiner ersten Bayern-Saison am doppelten Trophäenglück erfreuen – und in der Champions League geht es im August weiter.

Im Fokus stand vor Anpfiff Leverkusens Ausnahmekönner Kai Havertz. Der 21-Jährige kann sich als einer der größten Hoffnungsträger im deutschen Fußball seinen neuen Club praktisch selbst aussuchen. Bayern gilt als Topkandidat, wenngleich der Transfer in diesem Sommer nach dem Multi-Millionen-Einkauf Sané unwahrscheinlich ist. "Kai kann für uns im Finale sehr wichtig sein", sagte Trainer Peter Bosz. An Havertz’ Ablösewert von rund 100 Millionen Euro ändert das Finale im Olympiastadion nichts. Aber mit einem großen (End-)Spiel kann er seinen sportlichen Wert auf großer Bühne dokumentieren. Bei Leverkusen fehlen Dailey Sinkgraven und Paulinho, bei Bayer ist Thiago nach seiner Leistenoperation wieder eine Option. Und Löw darf sich freuen, dass der seit Oktober verletzte Auswahlspieler Niklas Süle nach seinem Kreuzbandriss erstmals wieder im Bayern-Kader stehen könnte. "Er hat eine sehr gute Entwicklung gemacht", sagte der langjährige Nationalmannschaftsassistent Flick. Als Teil des Kaders würde Süle am Samstag so gerne mit dem acht Liter Schampus fassenden "Pott" vor der mit roten und weißen Fanclub-Bannern dekorierten Kurve jubeln.

Die Leverkusener Kollegen berichteten vom emotionalen Fan-Abschied durch einige hundert Anhänger vor der Abreise in die Hauptstadt, in der die Geisterkulisse so gut wie möglich ausgeblendet werden soll. Das Fehlen der Fans wegen des strengen Hygienekonzepts im Olympiastadion tut DFB-Präsident Fritz Keller "in der Seele weh". Knapp 700 Personen im und um das Stadion sind notwendig, um den Ablauf des Finals zu gewährleisten.

Der Münchner Geister-Express, der 20 von 21 Pflichtspielen in diesem Jahr gewann, kam am erfolgreichsten durch die schwierige Corona-Zeit. "Wir spielen am Samstag gegen die aktuell beste Mannschaft in Europa", sagte Leverkusens Sportchef Rudi Völler, der noch ohne Titel mit Bayer ist.